Dienstag, 8. März 2016

4. Rundbrief



Eine Nacht im Dorf „Nirgendwo“




Rachel (Name geändert; 19 Jahre alt, Schülerin unserer Secondary School) lädt mich ein, mit ihr ins Dorf zu gehen und bei ihr zu übernachten. Das Dorf, in dem Rachel wohnt, ist ca. 10 km entfernt. Jeden Tag legt sie diese Strecke zurück, um zur Schule zu kommen. Dieser Weg ist nicht nur weit, es ist auch kein einfacher Weg. Wir sind im Moment mitten in der Regenzeit. Da ist es nicht sonderlich verwunderlich, dass die Straßen matschig sind. Dass man sich dann mal plötzlich auf dem Boden findet, ist keine Seltenheit. Wir laufen Hügel hoch und runter. Manchmal gleitet man auf dem Matsch oder man versinkt darin. Dann schlägt man Wege ein, die man so nie alleine laufen würde. Wir laufen plötzlich nach links und landen in einem länglichen Graben. Man ist rechts und links umhüllt mit Erdwänden. Der Graben ist wie eine U-Form „geschnitten“. Es ist eng und am Boden fließt ein kleiner Bach. Dieses Gewässer entsteht, weil es den ganzen Tag geregnet hat. Sollte man versuchen nur rechts oder nur links zu laufen, rutscht man in das Wasser mit all dem Matsch. Also muss man breitbeinig gegen die Wände durchlaufen. Mit dem rechten Fuß an der rechtsschrägen Wand und mit dem linken Fuß an der linkschrägen Wand. Es ist dunkel darin und irgendwann wird es heller und man kommt raus. Wir landen mitten in Maisfeldern. Ich bin froh wenigstens den Kopf von Rachel zu sehen und gleichzeitig nicht zu wissen, welche Tiere sich im Mais verbergen. Aus dem Maisfeld herausgekommen, wartet ein wunderschöner Ausblick von Felsen, durch Nebel umhüllte Berge, kleine Dorfhäuser und dass Grün der Natur auf uns. Nach der langen Reise hoch und runter, durch und drüber, rechts und links, durch Stein und Matsch, sagt mir Rachel, dass wir bald da sind. Sie fragt mich, ob ich schon mal durch einen Fluss gelaufen bin. Naja, eher durch Bäche, aber nicht durch Flüsse. Das Dorf indem sie lebt ist von einem Fluss umgeben und wirkt eingeschlossen. Es gleicht einer Insel. Die Flussüberquerung an einer Stelle ist sehr gängig und viele laufen so täglich ins Dorf. Sollte diese Stelle jedoch durch den Regen überflutet sein, haben die Dorfeinwohner keine Möglichkeit rein oder raus zu kommen. Die meisten Malawier können nicht schwimmen und die Strömungen sind recht stark.  Es gibt nur noch eine weitere Stelle, wo der Wasserstand niedriger ist, jedoch müsste man dann einen Umweg von ca. 3-4 km in Kauf nehmen und da ist es nicht einmal sicher, ob die Stelle nicht auch zu überschwemmt ist. Dann ist das Risiko zu hoch und man wartet so lange, bis der Pegel etwas sinkt. Das ist übrigens auch der Grund warum Kinder über die Regenzeit oftmals nicht zur Schule können. Die Regensaison beginnt ca. im Oktober und endet ca. im März. Das heißt 5 Monate unregelmäßigen Unterricht. (Das interessante ist, diese Stelle der Flussüberquerung verläuft wie ein Kreuz (+). Der Fluss verläuft von links nach rechts und mittendrin ist ein Flussweg, der geradeaus geht. Von allen Seiten strömt Wasser in den geradeausfließenden Fluss. Das Wasser geht da normalerweise bis über die Knie oder Oberschenkel). Wir laufen rein und was mich da erwartet, nimmt mich in eine andere Welt mit. Ich laufe in ein gezeichnetes Bild der Unwirklichkeit. Ein Bild, das den Zeichner viel Fantasie und Kreativität gekostet hat. Ein Bild, wovon ich nie hätte träumen können. Mitten in den Tropen! Umringt von Vögeln mit verschieden bunten Gefiedern, ein Vogelgesang wie ein einstudierter Chor, der Rausch des Wassers, Heuschrecken die zur Melodie spielen, die Luft ist feucht und frisch, Bambusbäume wachsen im Wasser, man ist umgeben von Sträuchern und Gräser, die im Wasser wachsen und Bäume tragen wunderschöne Blumen. Ein unbeschriebenes Bild, gemalt von dem wohl besten Künstler der Weltgeschichte. Dazu fiel mir ein Zitat von C. H. Spurgeon ein: „Christus ist eine Blume, aber er verwelkt nicht; er ist wie ein Fluss, aber er ist nie trocken: er ist eine Sonne, aber er kennt keine Verfinsterung; er ist alles in allem, aber er ist etwas mehr als alles“. Diese Worte von Spurgeon passten so gut zu dem Bild!


Rachels zu Hause
 Als wir nach einiger Zeit im Dorf ankommen, werde ich herzlich begrüßt. Menschen von allen Seiten kommen. Sie sagen mir, dass sie sich freuen, dass ich da bin und heißen mich herzlich Willkommen. Sie gingen davon aus, dass ich mit dem Auto hier her kommen würde. Sie sind völlig überrascht, als sie hören, dass ich den Weg gelaufen bin. Unvorstellbar, dass Rachel jeden Tag diese Strecke von ca. 20 km auf sich nimmt, nur um in die Schule gehen zu können. Wir sind für die Strecke hin alleine schon 2 Stunden gelaufen. Die Einheimischen fühlen sich geehrt, dass ich mir die Mühe gemacht habe, sie besuchen zu kommen. Rachel stellt mich ihren Verwandten und Freunden vor und viele Dorfeinwohner begrüßen mich. Ich habe mich an den Tag wie die Präsidentin aus Deutschland gefühlt. Ich wusste nicht mehr, wen ich schon kenne und wem ich schon die Hand geschüttelt habe. Sie lächeln ganz höflich und neigen ihren Kopf. Einige legen beide Hände übereinander, neigen sich und begrüßen mich. Andere geben mir die Hand und legen die andere Hand auf den Oberarm. Das gilt hier als sehr höflich. Ich kenne natürlich schon alle Höflichkeitsformen und ich stelle am Ende des Tages fest, dass vor lauter Grinsen mein Kiefer schmerzt. Rachel zeigt mir dann wo sie wohnt: ein Haus mit einem einzigen Raum. Die Ziegel wurden nicht ganz nach oben gezogen. So kommt immer wieder ein starker Luftzug herein. Das Dach besteht aus Stroh. Das Haus hat keine Fenster und es ist stockdunkel. Sie lässt die Tür auf, sodass ich den Innenraum überhaupt sehen kann. (Die Materialien für einen Hausbau in Malawi kostet an sich nichts. Die Ziegel werden aus Dreck, Erde und Wasser geformt und in der Sonne oder am Feuer getrocknet. Der „Kleber“ wird aus der überall vorhandenen Lehmerde hergestellt. Fenster bauen nur Menschen ein, die das Geld dafür haben. Alle anderen ziehen die Wände hoch, ohne einen Lichteinfluss.). Dann zeigt sie mir stolz: “Schau. Hier ist meine Küche!“. Vor mir ist einfach nur ein kleines Loch, welches mit Holz gefüllt ist. Außen rum liegen drei große Steine, worauf sie den Topf stellen kann. Es wird Abend und wir machen uns zum schlafen bereit. Rachel rollt den Strohteppich aus und unser „Bett“ ist fertig. Als Decke benutzen viele Malawier ihren Nsalu (traditioneller Stoff, den Frauen als Rock umwickeln oder womit sie ihre Babys auf dem Rücken tragen). 


Peace mit den Maischips
Die Sonne geht auf und somit auch die Malawier. Wir stehen um 6 Uhr auf. Rachel geht und kocht schon mal auf dem Feuer Wasser ab. Es klopft an der Tür und Rachels Tante (72 Jahre) kommt mit ein paar selbst gepflückten Mangos herein. Sie hat sie für mich gewaschen und liegen in der Schale. Wir unterhalten uns ein wenig. Manchmal verständigt man sich auch mit Hand und Fuß, aber man versteht sich. Gefrühstückt wird bei ihrer Schwester. Ihre Schwester ist 21 Jahre alt, hat einen Mann und 2 Kinder. Wir trinken Tee und essen Mandazi. (Der „Tee“ besteht nur aus Wasser und Zucker. Und Mandazi ist frittierter Teig). Während ich esse, kommt ein Kind zu mir, welches ich gestern kennengelernt habe. Peace ist 3 Jahre alt. Sie kommt auf mich zu und öffnet ihre Hand mit frittierten, Maischips. Ihre Mutter hat ihr diese zum Frühstück gekauft (ca. 15 Cent) und Peace wollte sie unbedingt mit mir teilen (siehe Bild). Die ganze Zeit über sind die Kinder wie ein Magnet an mir. Sie behandeln mich wie ihre Freundin und erzählen mir alles Mögliche. 

Ein Kind namens Jenny beispielsweise erzählt mir, dass ihre Mutter ihr heute eine Unterhose gekauft hatte. Das erzählt sie mir mit so begeisterten Augen. Die Kinder spielen den ganzen Tag vor unserem Haus und reden ganz viel mit mir. Da ist es ihnen egal, ob ich alles verstehe oder nicht. Sie hören dieses wenige Chichewa, dass ich spreche und denken, dass ich fließend reden kann. (Jenny ist gerade mal ca. 3 Jahre alt und auf dem Bild das Kind mit der roten Mütze). Peace kommt nach ein paar Stunden von zu Hause wieder zu mir. Sie ist den weiten Weg gelaufen, nur um sich umzuziehen. Peace wollte mir unbedingt zeigen, welches Kleid sie zu Hause hat. Sie trägt ein rosa Kleid und hat silberne Schuhe an. Ich hätte dahin schmelzen können bei diesem süßen Anblick.



Eine deutsche Mutter lässt ihr Kind, das erst Laufen gelernt hat, nicht ohne Aufsicht eines Erwachsenen alleine. Anders hier in Malawi. In Malawi ist es vollkommen normal seine kleinen Kinder mit Freunden spielen zu lassen. Da reicht es schon aus, wenn das Kind auf seinen Beinen stehen kann. Überall sieht man Kinder in verschiedenen Altersklassen. Wenn ein Kind mit 1,5- 2 Jahren ohne Mutter auf dich zu läuft, ist das keine Seltenheit. In der sozialpädagogischen Ausbildung, die ich gemacht habe, haben wir gelernt, dass ein Säugling und Kleinkind die Phase des „Fremdeln“ durch macht. Das heißt, dass das Kind anfängt zu weinen, wenn ein Fremder kommt und es in den Arm nehmen will. Der Säugling möchte zurück zur Mutter. Als ich das erste Mal hier war, fand ich ganz toll, dass die Babys und Kinder so offen mit sich umgehen lassen.  Ich wusste nur nicht, dass ein Kind nur fremdelt, wenn es eine Bezugsperson hat. Wenn man jetzt dieses Wissen hat, ist die Realität hier in Malawi doch etwas traurig. Weil es den Kindern nichts ausmacht, wenn man sie als Fremder in den Arm nimmt, zeigt es eigentlich vor allem, dass es keine richtige Bezugsperson hat. Ich bezweifle auf keinen Fall, dass die Mütter hier ihre Kinder lieben. Aber ein Kind ist in den meisten Fällen erst dann wirklich etwas wert, wenn es arbeitet.


Es ist Mittagszeit und wir wollen mit dem Kochen beginnen. Ich sage Rachel, dass ich heute kochen werde. Ich habe schon mal zuvor Nsima gekocht. Aber um ehrlich zu sein, wenn mir keiner über die Schulter gucken würde, hätte ich es immer wieder vermasselt. (Man kocht über Feuer und bei Nsima muss man genau auf die Temperatur achten. Es gibt eine erste Temperatur, indem man das Maismehl ins Wasser gibt, dann eine zweite und dritte Temperatur. Wenn man es zu früh oder zu spät macht, wird das Nsima nichts. Es ist echt faszinierend, dass die Einheimischen so ein Gefühl dafür haben. Ohne auf die Uhr zu gucken oder ein Temperaturmesser zu haben, wissen sie ganz genau wie es funktioniert). Also fang ich an zu kochen. Die Zeit verfliegt und ich merke gar nicht, dass sich eine Menschenmasse ansammelt, die mir zuguckt. Sie können es nicht fassen, dass eine Weiße Nsima kocht. Ich habe mich gefühlt, als wäre ich der Hauptdarsteller eines Theaters und die Zuschauer applaudieren und genießen die Show. Zum Schluss wird die Masse ganz fest und es muss minutenlang mit einer bestimmten Technik umgerührt werden. Irgendwann muss ich anfangen zu lachen und meine treuen Zuschauer lachen mit mir. Es ist sehr anstrengend und ich merke wie ich schwächer und schwächer werde. Die Masse wird immer fester und meine Bewegungen langsamer.(malawische Frauen sind unglaublich stark. Manchmal stelle ich mir vor, dass sie selbst beim Armdrücken gegen Männer gewinnen könnten. Sie sehen sehr zierlich aus, aber davon lass ich mich schon lange nicht mehr täuschen. In ihren dünnen Ärmchen verbirgt sich viel Bizeps oder Trizeps. Trotz Kinder haben sie viele weitere Arbeiten zu verrichten. Sie laufen Kilometerweit um Wasser aus dem Brunnen zu holen). So kommt auch Rachels Schwester mit einem riesen Eimer voll Wasser auf dem Kopf zu uns.  Um dann den Eimer runter zu heben, müssen ihr drei weitere Frauen helfen. Unvorstellbar, dass sie sowas tragen können.


Es wird Nachmittag und Rachel und ich machen uns langsam auf dem Nachhauseweg. Bevor wir gehen, haben uns noch einige bei sich zu Hause eingeladen und wollten, dass wir zum Schluss noch kommen und uns verabschieden. Diese zwei Tage war ich in so vielen Familien. Egal wo ich bin, mir wird immer ein Stuhl angeboten- wahrscheinlich der einzige Stuhl, den sie besitzen. Sie selbst setzen sich auf den kalten Boden. Das ist ganz fest in der Kultur verankert. Ich fühle mich dabei immer ganz schlecht und würde mich am liebsten auch auf die Erde setzen. Touristen machen immer wieder den Fehler und setzen sich trotzdem auf dem Boden. Das Problem ist jedoch, dass sie gute Gastgeber sein wollen und möchten, dass es einem gut geht. Wenn man diese freundliche Geste ablehnt, sind sie enttäuscht und verstehen nicht, warum man es nicht annimmt. Sie meinen es im Endeffekt nur gut mit einem. Die Malawier schenken mir dann selbstangepflanzten Mais und Ocra. Ich bin mit einem halbvollen Rucksack gekommen und gehe mit einem überfüllten Rucksack zurück.  Der Kwacha (malawische Geldeinheit) verliert immer mehr an Wert und alles wird teurer in Malawi. Die Menschen können sich kaum noch was leisten, aber trotzdem schenken sie mir was.


Auf dem Weg nach Hause bestehen Rachels Verwandten und Familie darauf, uns ein Stück zu begleiten. Sie wollen unser Gepäck tragen, begleiten uns durch den Fluss und noch ein ganzes Stück weiter. Dann fragt mich eine 32- jährige Freundin von Rachel irgendwann, ob es in Ordnung ist, wenn sie mich Freundin nennen darf. Das ist für uns sehr fremd, aber ich fand es sehr nett. Natürlich habe ich zugesagt, aber ich habe mich dann im nächsten Moment gefragt, warum sie mich als Freundin haben will, denn wir haben nicht viel miteinander geredet. Will sie mich als Freundin haben, weil sie mich als Person so toll findet? Dann dachte ich mir jedoch: „Sie kennt mich nicht!“ Oder vielleicht hat sie Interesse an unserer Freundschaft, weil ich eine Weiße bin? Und da kommen wir zu dem nächsten Punkt! Ich muss ehrlich zu mir selbst sein und ich musste erkennen, dass sie in erster Linie nur sieht, dass ich eine Weiße bin, ohne mich wirklich zu kennen. (In Malawi sind weiße Menschen was ganz besonderes. Alles was ein Weißer sagt, ist wahr und Gesetz. Weiße machen ihrer Meinung nichts falsch. Sie sind mehr wert als sie. Leider ist dieser Gedanke durch die Zeit der Kolonialisierung ganz tief in ihnen reingesetzt worden und wird immer weitergetragen). Ich habe mich gefragt, ob sie genauso auf mich zugekommen wäre, wenn ich eine dunkle Hautfarbe hätte?  Ob sie auch so schnell hätte Freundschaft schließen wollen, wenn ich nicht weiß wäre? Das Aussehen schmückt den Menschen zwar aus, aber es sagt nichts über den Charakter. Stellt euch vor, ich habe einen Autounfall und mein Gesicht wird dadurch vollkommen entstellt. Bin ich dann immer noch dieselbe Person? –Mein Äußeres mag vielleicht anders erscheinen, doch es ändert nichts daran, wer ich war und wer ich bin. Das Aussehen ist nicht das, was mich auszeichnet. Im Endeffekt kommt es drauf an, wie es in unserem Inneren aussieht: Charaktereigenschaften, die einen ausmachen; Schwächen und Stärken und vor allem dein Herz! Und das ist genau das, was ich den Menschen hier weitergeben will. Weiße Hautfarbe oder dunkle Hautfarbe, das ist völlig egal. Wir Europäer haben es vielleicht ein kleines bisschen verstanden. Leider ist es nicht so in Malawi. Das ist der Grund, warum ich darauf bestand für sie zu kochen, auf dem Boden zu schlafen und den Weg mit Rachel zu laufen. Sie sollen verstehen, dass ich genauso Mensch bin wie sie. Das ist meine Vision für Malawi: Wertschätzung eines jeden einzelnen! Ich wünsche mir, dass sie lernen, sich selbst wertzuschätzen, ohne Menschen mit Bildung oder anderer Hautfarbe mehr Achtung zu schenken.

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