Eine Nacht im Dorf „Nirgendwo“
Rachel (Name
geändert; 19 Jahre alt, Schülerin unserer Secondary School) lädt mich ein, mit
ihr ins Dorf zu gehen und bei ihr zu übernachten. Das Dorf, in dem Rachel
wohnt, ist ca. 10 km entfernt. Jeden Tag legt sie diese Strecke zurück, um zur
Schule zu kommen. Dieser Weg ist nicht nur weit, es ist auch kein einfacher Weg.
Wir sind im Moment mitten in der Regenzeit. Da ist es nicht sonderlich
verwunderlich, dass die Straßen matschig sind. Dass man sich dann mal plötzlich
auf dem Boden findet, ist keine Seltenheit. Wir laufen Hügel hoch und runter. Manchmal
gleitet man auf dem Matsch oder man versinkt darin. Dann schlägt man Wege ein,
die man so nie alleine laufen würde. Wir laufen plötzlich nach links und landen
in einem länglichen Graben. Man ist rechts und links umhüllt mit Erdwänden. Der
Graben ist wie eine U-Form „geschnitten“. Es ist eng und am Boden fließt ein
kleiner Bach. Dieses Gewässer entsteht, weil es den ganzen Tag geregnet hat. Sollte
man versuchen nur rechts oder nur links zu laufen, rutscht man in das Wasser
mit all dem Matsch. Also muss man breitbeinig gegen die Wände durchlaufen. Mit
dem rechten Fuß an der rechtsschrägen Wand und mit dem linken Fuß an der
linkschrägen Wand. Es ist dunkel darin und irgendwann wird es heller und man
kommt raus. Wir landen mitten in Maisfeldern. Ich bin froh wenigstens den Kopf
von Rachel zu sehen und gleichzeitig nicht zu wissen, welche Tiere sich im Mais
verbergen. Aus dem Maisfeld herausgekommen, wartet ein wunderschöner Ausblick
von Felsen, durch Nebel umhüllte Berge, kleine Dorfhäuser und dass Grün der
Natur auf uns. Nach der langen Reise hoch und runter, durch und drüber, rechts
und links, durch Stein und Matsch, sagt mir Rachel, dass wir bald da sind. Sie
fragt mich, ob ich schon mal durch einen Fluss gelaufen bin. Naja, eher durch
Bäche, aber nicht durch Flüsse. Das Dorf indem sie lebt ist von einem Fluss umgeben
und wirkt eingeschlossen. Es gleicht einer Insel. Die Flussüberquerung an einer
Stelle ist sehr gängig und viele laufen so täglich ins Dorf. Sollte diese
Stelle jedoch durch den Regen überflutet sein, haben die Dorfeinwohner keine
Möglichkeit rein oder raus zu kommen. Die meisten Malawier können nicht
schwimmen und die Strömungen sind recht stark.
Es gibt nur noch eine weitere Stelle, wo der Wasserstand niedriger ist,
jedoch müsste man dann einen Umweg von ca. 3-4 km in Kauf nehmen und da ist es
nicht einmal sicher, ob die Stelle nicht auch zu überschwemmt ist. Dann ist das
Risiko zu hoch und man wartet so lange, bis der Pegel etwas sinkt. Das ist
übrigens auch der Grund warum Kinder über die Regenzeit oftmals nicht zur
Schule können. Die Regensaison beginnt ca. im Oktober und endet ca. im März.
Das heißt 5 Monate unregelmäßigen Unterricht. (Das interessante ist, diese
Stelle der Flussüberquerung verläuft wie ein Kreuz (+). Der Fluss verläuft von links nach rechts und mittendrin
ist ein Flussweg, der geradeaus
geht. Von allen Seiten strömt Wasser in den
geradeausfließenden Fluss. Das Wasser geht da
normalerweise bis über die Knie
oder Oberschenkel). Wir laufen rein und was mich da erwartet, nimmt mich
in eine andere Welt mit. Ich laufe in ein gezeichnetes Bild der Unwirklichkeit.
Ein Bild, das den Zeichner viel Fantasie und Kreativität gekostet hat. Ein
Bild, wovon ich nie hätte träumen können. Mitten in den Tropen! Umringt von Vögeln
mit verschieden bunten Gefiedern, ein Vogelgesang wie ein einstudierter Chor,
der Rausch des Wassers, Heuschrecken die zur Melodie spielen, die Luft ist
feucht und frisch, Bambusbäume wachsen im Wasser, man ist umgeben von
Sträuchern und Gräser, die im Wasser wachsen und Bäume tragen wunderschöne
Blumen. Ein unbeschriebenes Bild, gemalt von dem wohl besten Künstler der
Weltgeschichte. Dazu fiel mir ein Zitat von C. H. Spurgeon ein: „Christus ist eine
Blume, aber er verwelkt nicht; er ist wie ein Fluss, aber er ist nie trocken:
er ist eine Sonne, aber er kennt keine Verfinsterung; er ist alles in allem,
aber er ist etwas mehr als alles“. Diese Worte von Spurgeon passten so gut
zu dem Bild!![]() | |
| Rachels zu Hause |
![]() | |
| Peace mit den Maischips |
Eine deutsche Mutter lässt ihr
Kind, das erst Laufen gelernt hat, nicht ohne Aufsicht eines Erwachsenen
alleine. Anders hier in Malawi. In Malawi ist es vollkommen normal seine
kleinen Kinder mit Freunden spielen zu lassen. Da reicht es schon aus, wenn das
Kind auf seinen Beinen stehen kann. Überall sieht man Kinder in verschiedenen
Altersklassen. Wenn ein Kind mit 1,5- 2 Jahren ohne Mutter auf dich zu läuft,
ist das keine Seltenheit. In der sozialpädagogischen Ausbildung, die ich
gemacht habe, haben wir gelernt, dass ein Säugling und Kleinkind die Phase des
„Fremdeln“ durch macht. Das heißt, dass das Kind anfängt zu weinen, wenn ein
Fremder kommt und es in den Arm nehmen will. Der Säugling möchte zurück zur
Mutter. Als ich das erste Mal hier war, fand ich ganz toll, dass die Babys und
Kinder so offen mit sich umgehen lassen.
Ich wusste nur nicht, dass ein Kind nur fremdelt, wenn es eine
Bezugsperson hat. Wenn man jetzt dieses Wissen hat, ist die Realität hier in
Malawi doch etwas traurig. Weil es den Kindern nichts ausmacht, wenn man sie als
Fremder in den Arm nimmt, zeigt es eigentlich vor allem, dass es keine richtige
Bezugsperson hat. Ich bezweifle auf keinen Fall, dass die Mütter hier ihre
Kinder lieben. Aber ein Kind ist in den meisten Fällen erst dann wirklich etwas wert, wenn es arbeitet.
Es ist
Mittagszeit und wir wollen mit dem Kochen beginnen. Ich sage Rachel, dass ich
heute kochen werde. Ich habe schon mal zuvor Nsima gekocht. Aber um ehrlich zu
sein, wenn mir keiner über die Schulter gucken würde, hätte ich es immer wieder
vermasselt. (Man kocht über Feuer und bei
Nsima muss man genau auf die Temperatur achten. Es gibt eine erste Temperatur,
indem man das Maismehl ins Wasser gibt, dann eine zweite und dritte Temperatur.
Wenn man es zu früh oder zu spät macht, wird das Nsima nichts. Es ist echt
faszinierend, dass die Einheimischen so ein Gefühl dafür haben. Ohne auf die
Uhr zu gucken oder ein Temperaturmesser zu haben, wissen sie ganz genau wie es
funktioniert). Also fang ich an zu kochen. Die Zeit verfliegt und ich merke
gar nicht, dass sich eine Menschenmasse ansammelt, die mir zuguckt. Sie können
es nicht fassen, dass eine Weiße Nsima kocht.
Ich habe mich gefühlt, als wäre
ich der Hauptdarsteller eines Theaters und die Zuschauer applaudieren und
genießen die Show. Zum Schluss wird die Masse ganz fest und es muss minutenlang
mit einer bestimmten Technik umgerührt werden. Irgendwann muss ich anfangen zu
lachen und meine treuen Zuschauer lachen mit mir. Es ist sehr anstrengend und
ich merke wie ich schwächer und schwächer werde. Die Masse wird immer fester
und meine Bewegungen langsamer.(malawische
Frauen sind unglaublich stark. Manchmal stelle ich mir vor, dass sie selbst
beim Armdrücken gegen Männer gewinnen könnten. Sie sehen sehr zierlich aus,
aber davon lass ich mich schon lange nicht mehr täuschen. In ihren dünnen
Ärmchen verbirgt sich viel Bizeps oder Trizeps. Trotz Kinder haben sie viele
weitere Arbeiten zu verrichten. Sie laufen Kilometerweit um Wasser aus dem
Brunnen zu holen). So kommt auch Rachels Schwester mit einem riesen Eimer
voll Wasser auf dem Kopf zu uns. Um dann
den Eimer runter zu heben, müssen ihr drei weitere Frauen helfen.
Unvorstellbar, dass sie sowas tragen können.Es wird Nachmittag und Rachel und ich machen uns langsam auf dem Nachhauseweg. Bevor wir gehen, haben uns noch einige bei sich zu Hause eingeladen und wollten, dass wir zum Schluss noch kommen und uns verabschieden. Diese zwei Tage war ich in so vielen Familien. Egal wo ich bin, mir wird immer ein Stuhl angeboten- wahrscheinlich der einzige Stuhl, den sie besitzen. Sie selbst setzen sich auf den kalten Boden. Das ist ganz fest in der Kultur verankert. Ich fühle mich dabei immer ganz schlecht und würde mich am liebsten auch auf die Erde setzen. Touristen machen immer wieder den Fehler und setzen sich trotzdem auf dem Boden. Das Problem ist jedoch, dass sie gute Gastgeber sein wollen und möchten, dass es einem gut geht. Wenn man diese freundliche Geste ablehnt, sind sie enttäuscht und verstehen nicht, warum man es nicht annimmt. Sie meinen es im Endeffekt nur gut mit einem. Die Malawier schenken mir dann selbstangepflanzten Mais und Ocra. Ich bin mit einem halbvollen Rucksack gekommen und gehe mit einem überfüllten Rucksack zurück. Der Kwacha (malawische Geldeinheit) verliert immer mehr an Wert und alles wird teurer in Malawi. Die Menschen können sich kaum noch was leisten, aber trotzdem schenken sie mir was.
Auf dem Weg nach Hause bestehen Rachels Verwandten und
Familie darauf, uns ein Stück zu begleiten. Sie wollen unser Gepäck tragen, begleiten
uns durch den Fluss und noch ein ganzes Stück weiter. Dann fragt mich eine 32-
jährige Freundin von Rachel irgendwann, ob es in Ordnung ist, wenn sie mich
Freundin nennen darf. Das ist für uns sehr fremd, aber ich fand es sehr nett.
Natürlich habe ich zugesagt, aber ich habe mich dann im nächsten Moment gefragt,
warum sie mich als Freundin haben will, denn wir haben nicht viel miteinander
geredet. Will sie mich als Freundin haben, weil sie mich als Person so toll
findet? Dann dachte ich mir jedoch: „Sie kennt mich nicht!“ Oder vielleicht hat
sie Interesse an unserer Freundschaft, weil ich eine Weiße bin? Und da kommen
wir zu dem nächsten Punkt! Ich muss ehrlich zu mir selbst sein und ich musste
erkennen, dass sie in erster Linie nur sieht, dass ich eine Weiße bin, ohne
mich wirklich zu kennen. (In Malawi sind
weiße Menschen was ganz besonderes. Alles was ein Weißer sagt, ist wahr und
Gesetz. Weiße machen ihrer Meinung nichts falsch. Sie sind mehr wert als sie.
Leider ist dieser Gedanke durch die Zeit der Kolonialisierung ganz tief in
ihnen reingesetzt worden und wird immer weitergetragen). Ich habe mich
gefragt, ob sie genauso auf mich zugekommen wäre, wenn ich eine dunkle
Hautfarbe hätte? Ob sie auch so schnell
hätte Freundschaft schließen wollen, wenn ich nicht weiß wäre? Das Aussehen
schmückt den Menschen zwar aus, aber es sagt nichts über den Charakter. Stellt
euch vor, ich habe einen Autounfall und mein Gesicht wird dadurch vollkommen
entstellt. Bin ich dann immer noch dieselbe Person? –Mein Äußeres mag
vielleicht anders erscheinen, doch es ändert nichts daran, wer ich war und wer
ich bin. Das Aussehen ist nicht das, was mich auszeichnet. Im Endeffekt kommt
es drauf an, wie es in unserem Inneren aussieht: Charaktereigenschaften, die
einen ausmachen; Schwächen und Stärken und vor allem dein Herz! Und das ist genau
das, was ich den Menschen hier weitergeben will. Weiße Hautfarbe oder dunkle
Hautfarbe, das ist völlig egal. Wir Europäer haben es vielleicht ein kleines
bisschen verstanden. Leider ist es nicht so in Malawi. Das ist der Grund, warum
ich darauf bestand für sie zu kochen, auf dem Boden zu schlafen und den Weg mit
Rachel zu laufen. Sie sollen verstehen, dass ich genauso Mensch bin wie sie.
Das ist meine Vision für Malawi: Wertschätzung eines jeden einzelnen! Ich
wünsche mir, dass sie lernen, sich selbst wertzuschätzen, ohne Menschen mit
Bildung oder anderer Hautfarbe mehr Achtung zu schenken.

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