Montag, 10. Oktober 2016

6. Rundbrief



Plötzlich Mutter von zwölf Kindern

Natascha Friesen Fotografie
Wie mag es wohl sein, plötzlich Mutter zu sein? Was muss einen bei dem Gedanken durch den Kopf gehen? Welche Emotionen gehen bei einem durch? Ein Leben lang trägt man für niemanden mehr, als sich selbst, die Verantwortung. Was aber, wenn du plötzlich Verantwortung für Andere tragen musst? Was, wenn du plötzlich dein ganzes Besitztum teilen musst? Wie ist es wohl, wenn man sich nicht nach Lust und Laune zurückziehen kann, sondern sich nach jemand Anderes richten muss?

Nun stellt sich mir diese Möglichkeit, dieses Experiment auszuprobieren. Aber anders als gewöhnlich werde ich nicht Mutter von Zwillingen, Drillingen oder gar Vierlingen. Nein! Ganze zwölf Kinder werden mir in den Weg gelegt. Zwölf Kinder, die viel Aufmerksamkeit benötigen. Kinder, die voller Aufgewecktheit strotzen. Kinder, die ein gewisses Temperament mit sich tragen. Jetzt stellt sich natürlich die Frage: „Wie kommt es zu diesem Vergnügen?“  Nun, die eigentliche Tagesmutter muss für einige Tage nach Lilongwe (Malawis Hauptstadt), wo eine mehrtägige Hochzeit stattfindet.  Was nun für mich bedeuten würde, dass ich von Freitag bis Dienstag, die Ansprechpartnerin bin. Fünf volle Tage als unerfahrene Mutter:

Ich betrete das Mädchenkinderhaus. Mit dem Eintritt wird mir bewusst, welcher Herausforderung ich mich im Moment stelle. Schon fängt das Geschreie an: „Amayi Nathale!“ („Mama Natalie“). Die Kinder rennen auf mich zu, klammern und umarmen mich. „Einen Moment mal! Bitte was? Ich bin doch Natalie, eure Freundin“, denke ich mir nur. Scheint als würde den Kindern dieser Rollenwechsel gefallen. Ich wache aus meiner Gedankenwelt auf und mache mir bewusst, dass ich jetzt Mama bin. Ich frage mich nur, ob ich dieser Aufgabe gewachsen bin. Diese Gedanken lösen bei mir etwas Aufregung aus. „Nathale, tabwera!“, (Natalie, komm her!) sagt Agnes (Name geändert, 7 Jahre). Plötzlich stubst Michelle (Name geändert, 4 Jahre) Agnes an und schimpft: „Hey. Sie heißt nicht Natalie. Das ist jetzt Amayi Nathale. Sag sofort Amayi Nathale zu ihr!“ Agnes korrigiert sich daraufhin etwas verlegen. -Oh je, eigentlich wollte ich nur als Natalie, ihrer Freundin, kommen. Doch die Kids haben da ganz andere Erwartungen. 

Die eigentliche Tagesmutter hat mir freundlicherweise ihr Zimmer überlassen. Mit mir schläft Hope (Name geändert), die 3 Jahre alt ist. Sie hat AIDS und deshalb versorge ich sie nun morgens und abends mit Medikamenten. Michelle bekommt auch Medikamente von mir, weil sie momentan eine Blasenentzündung hat. Daher kann sie ihre Blase nicht kontrollieren und nässt sich immer wieder ein. 

Große Freude bei der Belohnung einen Film zu schauen
Die Zeit vergeht und es wird zu Abend gegessen. Bevor es zu Bett geht, muss alles gefegt und weggeräumt sein. Die Kinder müssen die Zähne putzen, Füße waschen und ihre Schlafanzüge anziehen. Die Kleinsten schaffen es natürlich nicht alleine und ich muss helfen. Als Ansporn erwähne ich, dass wir, wenn alles fertig ist,  mit meinem Notebook einen Film gucken. Da ist die Motivation direkt ganz hoch. Zum Abendessen gibt es Fisch. Ganz malawisch wird mit Händen und auf dem Boden gegessen. Statt Knochenreste auf die Seite des Tellers zu legen, legen die Kinder alles auf dem Boden. Schon alleine wie sie essen: KATASTROPHE! Das halbe Essen liegt auf dem Boden. Statt ihren Kopf zum Teller zu neigen, geht auf dem Weg zum Mund, die Hälfte verloren. Ich habe das Gefühl auf einen Komposthaufen zu sitzen. Kreten, hier ein Fischkopf und dort ein Auge. Ich fasse mir nur an meinem Kopf und bin froh, dass das nicht mein Haus ist. Meine Mutter hätte wahrscheinlich die Krise bekommen und hätte einen Großputz veranstaltet. Beim Fegen, von eines unserer älteren Kindern, bleibt die Hälfte liegen. Nach allen Strapazen schauen wir am Ende des Tages einen Film und ich falle völlig erschöpft in mein Bett.



Beauty Abend
Am nächsten Morgen wachen alle natürlich ganz früh auf. Hope hat sich natürlich eingenässt, was für mich heißt: Unterhose, Schlafanzug und Bettwäsche waschen. Und das alles mit der Hand. Den Tag über spiele ich viel mit den Kindern. Ich bringe ihnen „Hau den Lukas“ bei, was zum absoluten High Light des Tages wird. Sie spielen es stundenlang. Abends veranstalte ich einen Beauty Abend und lackiere ihre Nägel, damit sie am Sonntag zum Gottesdienst gut aussehen. Nebenbei mache ich Chichewa Musik an. –Entspanntes Zuhören nationaler Lieder geht wahrscheinlich nur in Europa. Einfach nur sitzen und Musik hören geht da ganz schlecht. Es muss getanzt werden! Die Kinder haben Spaß und tanzen bis in den Abend, bis sie dann zufrieden und etwas verschwitzt ins Bett fallen. 


Bloß nicht Auffallen

Natascha Friesen Fotografie
Am nächsten Morgen wecke ich alle, damit wir gemeinsam zum Gottesdienst gehen können. Bei der Kleidungsauswahl bekomme ich fast die Krise. Die Mädchen haben kaum was anzuziehen. Alles ist dreckig! Es wurde am Vortag lieber die Wäsche der Jungs gewaschen, statt ihre dreckige Kleidung zu waschen. (Die Jungs boten ihnen 50 Kwatcha (ca. 6 Cent) an, was für „meine“ Mädchen viel interessanter schien, als die eigene Kleidung zu säubern. -In Malawi ist es üblich, dass Kinder von klein auf lernen, ihre Kleidung selbst zu waschen). So stehe ich da. So viele Kinder, aber die schönsten Sachen sind dreckig. Dabei wollte ich alle fein anziehen. Ich wollte stolz auf die kleinen MALO A MCHEREZO Damen sein. Nun ja, nun musste ich mit dem auskommen, wie es ist. Ich gebe das Beste. Ich hole alles aus der Trickkiste raus, was geht. Ich beherzige alle Stylingtipps. Doch das scheint trotzdem nicht genug zu sein. Die Farben passen nicht, die Schuhe passen nicht und die Kleidung sieht aus, als käme sie aus der schlechtesten „Bad Taste Party“ des Jahres.  Manche sehen teilweise wie Clowns aus. Ich schaue sie mir an und kann nicht anders als ganz laut zu lachen.

Neue Bonbongeschmacksrichtung
Die perfekte- imperfekte Familie! Genauso liebe ich es. Wir machen uns also nach einer zwanzig minütiger Verspätung auf dem Weg zur Kirche. Wie könnte es auch anders sein? Wir kommen während den Gottesdienst an. Bloß nicht zu viel Aufmerksamkeit auf uns ziehen! Ganz leise reingehen und am Besten in die letzten Reihen setzen. Blöd nur, dass wir während einer Ansage reinkommen, ich mit zwölf Kindern den Raum betrete, ich dummerweise die einzige Weiße unter der riesen Menschenmenge bin und meine Mädchen zufällig in den ersten Reihen sitzen wollen. „Natalie. Bleib ganz unauffällig. Bloß nicht auffallen!“, sage ich mir immer wieder. Naja, irgendwie gelingt das nicht ganz. Alle Augen sind auf mich gerichtet. Dann ruft mich der Leiter auf, damit ich Grüße weitergebe. War ja klar, dass ich nicht aus der Kirche gehen kann, ohne etwas gesagt zu haben. Also stehe ich auf, beuge mich leicht vor der Menschenmasse und gehe ihrer Erwartung nach. Am Ende meiner Grußansprache setze ich mich wieder hin und versuche mich nicht viel zu bewegen. Bloß nicht auffallen. Am besten gar nicht Atmen! Nach und nach kommen mehr Waisenkinder aus unserem Projekt rein und setzen sich zu mir. Sie sind unruhig und laufen hin und her. Ich sorge für Ruhe. Agnes spielt mit zwei Bonbons und sorgt für viel Unruhe. Ich nehme die Bonbons in meine Hand und was ist drinnen?- Genau! Steine. Als Reaktion von ihr bekomme ich wieder ihr weltberühmtes, großes Grinsen zurück. 

Ich schaue kurz nach rechts und sehe ein Kind von der Betonbank fallen. Er schreit und weint fürchterlich. Eine Amayi hebt ihn auf und fragt, wem das Kind gehört. Ich schaue mir das Kind näher an. Oh nein, es ist eines unserer Kinder. So, nun ist es absolut Schluss mit der Unauffälligkeit. Nun habe ich alle Aufmerksamkeit auf mir. Personen, denen ich bisher nicht auffiel, jetzt ist der besagte Moment gekommen: Hier bin ich! Nun trage ich das schreiend, weinende Kind nach draußen. Dort schaue ich, ob was passiert ist. Eine Schramme? Kratzer? –Nein, nicht wirklich. Das war anscheinend nur der Schock. Ich nehme ihn in meinen Arm und tröste ihn. Ich versuche ihn abzulenken und spiele mit ihm. Irgendwann lacht er auch schon und will wieder zurück zum Gottesdienst.
Nach einiger Zeit, während der Predigt, tippt mich Michelle an. Sie zeigt mit ihrem Finger auf eine Pfütze am Betonboden unter ihren Füßen. „Oh je, bitte lass es nicht das sein, was ich befürchte.“ Tatsächlich! Michelle hat sich, dank ihrer Blasenentzündung, eingenässt. Nicht nur irgendwo. Nein. Sie hat sich mitten im Gottesdienstsaal eingenässt. Direkt neben ihrer Sitzbank, mitten unter der riesen Menschenversammlung. Vielleicht könnt ihr euch vorstellen, was einen da durch den Kopf schießt? „Was soll ich jetzt bloß machen? Soll ich einen Lappen aufsuchen und wischen? Wo kriege ich in Afrika einen Lappen her? Bloß keine Panik!  –Wahrscheinlich muss ich mit Laubblättern säubern.“ Ich meine, es ist ja nicht genug was bisher geschah und man als „Ausländer“ schon genug Aufmerksamkeit auf ich zieht. Also beschließe ich mich, das nach dem Gottesdienst zu säubern. Michelle ist relativ trocken geblieben. Dann kommt Comfort mit einem Wassereis rein. Ich frage mich natürlich wo er sowas her hat. In seiner Großzügigkeit teilt er es mit den anderen Kindern. Das Eis ist glitschig. Jetzt passiert das Unfassbare. Etwas, was nicht einmal dem größten Tollpatsch unserer Gesellschaft im Alltag passiert. Das Wassereisstück rutscht Comfort aus der Hand. Nicht irgendein Wasserstück, sondern SEIN Wassereisstück. Und es fällt nicht nur auf dem Boden. Nein! Es fällt ausgerechnet in Michelles Urinpfütze. Stellt euch eine Szene in Zeitlupengeschwindigkeit vor, indem ihr versucht etwas zu verhindern, es dennoch nicht gelingt. -So eine Situation war das. Nun liegt das leckere Eis in der Pfütze. Um es etwas präziser zu beschreiben. Es liegt in der Urinpfütze! Da ist er noch so freundlich und teilt und dann passiert sowas. Ich sage ihm, er solle das Eis liegen lassen, weil das Urin ist. Er bekomme später ein Neues. Comfort denkt natürlich, dass ich Scherze mache und greift, trotz meines strengen Verbots, in die Pfütze nach dem Eis. Er nimmt es … und…  lutscht dran. Wisst ihr was? Ich gerate in Starre und halte kurz mein Atem an. Ich kann in diesem Moment rein gar nichts an dieser Situation ändern. Versuch mal ein afrikanisches Kind zu erklären, dass er ein „nur hingefallenes“ Eis nicht essen darf. Das bringt absolut nichts und löst bei jedem Kind auf Unverständnis. Man kann, laut ihrer Meinung, alles essen. Insbesondere wenn es was Süßes ist. Nun lutscht er dran und verzieht keine Mime. Er scheint wohl von dem beigefügten Nebengeschmack nichts zu merken. Mich überkommt etwas Ekel und ich erinnere mich, was ich alles in meiner Kindheit gegessen habe: Würmer, Erde, Sand...  –Nun ist es zu spät. Er hat weder was geahnt, noch was geschmeckt. Und wisst ihr was? Er denkt bis heute, ich sei der größte Scherzkeks.

Wieder Zuhause angekommen, essen wir was und ich setze das Kleidungswaschen am Brunnen fort. Vorbeigehende malawische Passanten gehen nicht vorüber, ohne etwas gesagt zu haben. Sie schauen, ob ich bloß alles richtig mache. Wahrscheinlich haben sie noch nie eine Weiße gesehen, die mit der Hand Wäsche wäscht. Manche stehen von Anfang bis Ende da, um mir dabei zuzugucken, mit mir zu reden oder mir Verbesserungsvorschläge zu geben.  Sowas kriegen sie wohl so schnell nicht wieder zu Gesicht.

Natascha Friesen Fotografie
Abends nehme ich Toni (Name geändert, 2 Jahre) zu mir. Zusammen schauen wir uns ein Bilderbuch an. Toni redet nicht so viel. Ein Thema, bei dem er aber vollkommen aufblüht, sind „Hunde“. Er liebt es so sehr über Hunde zu reden. Wenn man mit ihm zusammensitzt und er nicht weiß, was er reden soll, tippt er einen an, zeigt in irgendeine Richtung und ruft völlig überrascht: „Oooona! Ona! Ku galu.“ („Guck mal. Schau. Ein Hund!“) Er geht vollkommen auf und seine Augen weiten sich. Wenn man jedoch in die Richtung schaut, bemerkt man ganz schnell, dass da gar nichts ist. Absolute Leere. –Das war wohl mal wieder ein Ablenkungsmanöver von der Stille. Selbst im Bilderbuch meint er: die Kuh, das Huhn, die Maus und das Rind seien Hunde. Alles was vier Beine hat, sind Hunde! Ganz logisch. :D

Die nächsten Morgen bin ich bereits um 5 Uhr wach, um die Kinder zu wecken. Es geht zur Schule. -Zwischendurch scherze ich mit ihnen, wir spielen Verstecken und Fangen zusammen, ich erzähle ihnen am Abend Geschichten, manchmal drücke ich ein Auge zu und sie dürfen etwas länger auf bleiben, wir tanzen zusammen, räumen auf, quatschen viel und lachen zusammen. Wir sind wie eine kleine Familie. Am letzten Tag räume ich das Haus auf, um alles sauber zu hinterlassen. Die Kinder sind bereits in der Schule. Ich verabschiede mich von Magret (Name geändert, ältestes Kind und bereits fertig mit der Schule). „Natalie, du gehst schon?“, fragt sie. „Es war so schön mit dir. Wir haben es alle geliebt, dass du hier bist. Es ist so schön allein deine Stimme hier in diesem Haus zu hören. Du kannst jetzt nicht gehen. Zieh bitte hier ein und wohne mit uns“, meint sie. Ich war sichtlich gerührt von diesen Worten. Ein Abgang hätte nicht besser enden können.

Abschied nehmen

Die Tage bis zu meinem Abflugdatum rücken immer näher. Verabschiedung wird immer präsenter. Ich kann langsam keinen klaren Gedanken fassen. Alles dreht sich nur noch um „Abschied nehmen“.  Manchmal wache ich mitten in der Nacht auf. Ich kann nicht schlafen und mache mir ständig Gedanken über mein neues, altes Leben in Deutschland.
Ich genieße die letzten Momente. Jede Minute. Jede Sekunde. Ich möchte lernen. Ich möchte verändern.  Ich möchte mitnehmen.  Ich möchte wandeln. 

Am letzten Tag fragt mich ein Kind: „Nathale. Was wird die Regierung in Deutschland machen, wenn du doch länger bleibst? Wird sie hier her fliegen, dich suchen und verhaften?“ –Kurze Stille- „Keine Sorge. Ich werde dich dann auch verstecken!“ Ist dieses kindliche Denken nicht süß? Es hat mich sehr zum Nachdenken angeregt und gleichzeitig hat es mich traurig gemacht. Ich wusste, dass ich an meinem Abflugdatum nichts ändern kann. Wie gerne würde ich für eine längere Zeit bleiben?
Die letzte Zeit ist sehr intensiv und ich nehme die Zeit bewusster wahr. Jedes Lächeln speicher ich in meinem Gedächtnis. Jedes Wort verschließe ich ganz fest in mir. Jede Umarmung ist wie Balsam für meine Seele. Jeder Blick verschafft mir mehr Einblick in ihr Wesen. Jede Träne zeigt mir Ausdrucke ihres Herzens. Etwas in mir gibt mir jedoch tiefe Ruhe. -Die Gewissheit, dass an diesem Ort, irgendwann, ein Wiedersehen stattfinden wird.

Wieder zurück in Deutschland

Ein Jahr in einer völlig anderen Welt. Eine Welt; einer anderen Kultur, anderen Menschen, einer anderen Lebenseinstellung und einer anderen Denkweise.
Hier in Deutschland angekommen,  verfällt man ganz schnell in das alte Muster und dass, ohne es direkt zu merken. Ich gehe raus und die Straßen sind wie leer gefegt. Wo sind die Kinder? Wo sind die Menschen? Wo ist Deutschland? –Gefangen in einer Medienwelt, die sich Zuhause abspielt? Gefangen in Anforderungen der Gesellschaft? Gefangen im Leistungsdruck der Schule oder der Arbeitsstelle? Als wäre die Menschheit in Gebäuden gefangen genommen worden. Thomas Merton sagte einmal: „Es gibt eine weitverbreitete, moderne Form der Gewalt … Aktivismus und Überarbeitung. Die Eile und der Druck des modernen Lebens sind eine Form – vielleicht die häufigste Form – seiner angeborenen Gewalt. Sich selbst zu erlauben, von einer Vielzahl gegensätzlicher Interessen fortgerissen zu werden, sich zu vielen Anforderungen zu unterwerfen, sich zu zu vielen Aufgaben zu verpflichten, bedeutet, der Gewalt zu erliegen … Sie tötet die innere Wurzel der Weisheit, die Arbeit fruchtbar macht.“
Interessante Worte! Lieber Leser, ich möchte dich dazu ermutigen, über diese Worte nachzudenken. Auch wenn Afrika materiell und wirtschaftlich weit hinter uns liegt, können wir doch einiges von dieser Lebenseinstellung lernen. Da muss es doch mehr geben, als dieses Leben, das wir tagtäglich leben. Mehr als Ansehen. Mehr als pausenloses Gehetzte. Mehr als das nach außen scheinende „perfekte“ Leben. Ist es nicht traurig, dass wir stundenlang vor dem Fernseher sitzen und das Leben einiger Schauspieler mitfiebern? Es scheint so, als würden wir das Leben eines Fremden leben und dabei unser Leben vergessen. Geh raus und entdecke. Entdecke die Vielfalt des Lebens. Es gibt noch so viel mehr! Corrie ten Boom sagte mal: „Unser Leben hier auf der Erde ist nur die erste Seite des Buches, nicht die Letzte.“  Wunderschöne Worte einer weisen Frau. Lasst uns nicht nur eine tolle erste Seite schreiben, etwas, worauf wir gerne zurück blicken; sondern mache dir bewusst, dass es noch mehr gibt. Etwas, was dich erfüllt. Etwas, was dir sinnerfüllte Zufriedenheit geben kann. Etwas, was das Leben lebenswert macht.
Was machst du daraus?

Mit diesen Worten komme ich langsam zum Ende. Du hast gerade meinen letzten Blogeintrag gelesen. Ich hoffe, ich konnte dir das Leben in Malawi etwas näher bringen und du hattest Freude am Lesen. Danke für dein Interesse und vielen Dank für deine Unterstützung. Und an dieser Stelle möchte ich Gott dafür danken, dass er mich durch diese Erfahrungen und Erlebnisse so reich beschenkt hat.

Eure Natalie

Natascha Friesen Fotografie

Montag, 23. Mai 2016

5. Rundbrief



Mitten ins Herz


Quelle: Natascha Friesen Fotografie
Letzte Begebenheiten bewegen mich und letzte Augenblicke sprechen direkt zu mir. Ich finde Zeichen der Wertschätzung und Anerkennung:

Nach einer Woche vermisst man die Kinder im Projekt wirklich sehr. Sie bekommen mit, dass wir wieder da sind. Ich bin kurz in der Küche und höre lautes Geschreie: „Nathale! Nathale!“ Es sind „meine“ wundervollen Kinder. Ich gehe raus und das Geschrei wird lauter. Ich kann es kaum erwarten und werde schneller. Sie springen auf mich und umarmen mich. „Nathale. Nda kuzowa quambiri!“ (Natalie, ich habe dich so sehr vermisst). Ach je, wie ich sie vermisst habe. 


Abends gehen wir in die Kinderhäuser und beten mit den Kindern bevor sie schlafen gehen. Es ist immer wieder schön zu sehen, wie gern sie es tun. Eines Abends kommt ein Mädchen zu mir: alle, die dieses Kind kennen, fassen sich an den Kopf und müssen lachen, wenn sie über Joy (Name geändert) nachdenken. Sie scheint manchmal sehr neben der Spur zu sein, ist sich dessen nicht bewusst und genau das macht sie so zuckersüß. Sie zeigt auf ihr Bett und fragt mich: „Nathale. Ukufuna kugona in my kama? I also have Moschkitonet.“ (Natalie, willst du heute Nacht mit mir im Bett schlafen? Ich habe sogar ein Moskitonetz). Sie zeigt ganz stolz auf ihr neues Moskitonetz und guckt mich mit ihren riesigen Augen ganz erwartungsvoll an. Joy ist ganz stolz, ein nicht kaputtes Moskitonetz am Bett hängen zu haben, da Malawier etwas Probleme haben, achtsam mit ihren Netzen umzugehen. Natürlich konnte ich nicht „Nein“ sagen. Ich spiele bis spät in den Abend Kartenspiele mit ihnen und erzähle ihnen Gute Nacht Geschichten mit Bilderbüchern. Sie kennen sowas nicht und kriegen nie genug von den Geschichten. Irgendwann werden alle Augen schwerer und sie fallen schließlich in den Schlaf. Am nächsten Morgen wach ich auf und ganz dicht an mir entdecke ich ein Gesicht mit dem wohl breitesten Lächeln der Weltgeschichte. Das Lächeln hätte ins Guinness Buch der Rekorde kommen müssen. Ich habe so ein Lächeln noch nie zuvor gesehen. Es war gigantisch. „Nathale, good morning!“, sagt die Kleine ganz stolz. Ich fange direkt an zu lachen. Ich will nicht wissen, wie lange sie im Bett gewartet hat, bis ich aufgewacht bin. 

Quelle: Natascha Friesen Fotografie
Da die Amtssprache in Malawi Englisch ist, versuchen die Kinder sich auch ganz früh mit dem Englischen. Weil sie manche Wörter nicht wissen, mischen sie Englisch und Chichewa. Das ist übrigens bei dem Rest der Malawier im Dorf nicht anders. Oftmals habe ich dann viel zu lachen. Ich amüsiere mich immer sehr. Zu mir kam zum Beispiel mal ein Kind und fragte: „Can I have a baskebo please?“ („Kann ich ein Baskebo haben?“). Ich habe hin und her überlegt und antwortete schließlich, dass ich kein Basketball habe. Irgendwann, nachdem er es immer wieder wiederholt hatte, habe ich verstanden, dass er kein Basketball, sondern ein „bicycle“ (Fahrrad) haben will. Oder letztens hatten wir Kidsmeeting (Kinderstunde) mit den Kindern. Die Mitarbeiterin fragte mich dann, was jetzt ansteht. Ich sagte, dass wir erst mal beten (pray) können. Dann fängt sie plötzlich zu hüpfen und spielt mit den Kindern ein malawisches Spiel. Ich musste so herzhaft lachen, weil ich dachte, sie sei verrückt und ich habe mich gefragt, was sie denn da eigentlich macht. Später haben wir darüber geredet und es kam raus, dass sie dachte, ich meine mit pray- (beten) play (spielen). Im Chichewa gibt es keinen Unterschied zwischen den Buchstaben „R“ und „L“. So vertauschen sie es ständig im Englischen, wodurch dann oftmals neue Worte entstehen und zu lustige Situationen führen.




Comedyshow nicht nötig! MALO A MCHEREZO Kinder übernehmen 



Quelle: Natascha Friesen Fotografie
Sammy (9 Jahre alt) sieht mich in der Bibliothek mit einer Schülerin putzen. Er ist schockiert und fragt: “Natalie. Du putzt hier jeden Tag. Warum?“ Ich antworte ihm, dass ich putzen angeblich liebe. Wenn ich schlafe, müsse ich sogar an putzen denken. (Sammy kam zufällig 3 Wochen in Folge nur montagnachmittags vorbei und sieht mich mit Grace, einer Schülerin, putzen. Die Sache ist: es wird nur montags geputzt und ein Schüler muss 3 Wochen lang helfen. Sammy weiß das natürlich nicht und denkt wir putzen jeden Tag zusammen). Er völlig außer sich: „Du bist verrückt. Du putzt und du putzt. Immer putzen! Jeden Tag. Wahrscheinlich ist dein Zimmer auch voller Putzeimer und Lappen. Und warum putzt Grace jeden Tag mit dir?“ Ich daraufhin: „Grace ist eine sehr gute Schülerin, deshalb darf sie mir immer beim Putzen helfen. Später wenn du ein guter Schüler bist, dann darfst du mir auch helfen!“ Er fängt an zu lachen: „Ich glaube, ich werde dann niemals ein guter Schüler sein. Ich mag nicht putzen.“ Dann fällt ihm plötzlich ein, dass Grace doch keine gute Schülerin ist, weil sie angeblich immer bei Kämpfen beteiligt sei. (Da sollte ich hinzufügen: Grace ist ca. 17 Jahre alt und eine sehr zurückhaltende Person, die immer ein Lächeln auf den Lippen hat. Sammy liebt es, Geschichten zu erfinden). Sie kämpft angeblich immer mit Chinesen, sagt er. (Sammy möchte niemals nach China, weil er denkt, dass die Chinesen jeden Tag Karate kämpfen. Wenn er in der Stadt ist, laufen manchmal Filme. Er schaut dann durch das Fenster, oder durch ein nicht sauber zugemauertes Haus und meistens hat er nur Karatefilme gesehen. Er denkt, dass Chackie Chan der Präsident ist und dass alle Chinesen täglich Karate praktizieren). Er ist von seiner Meinung überzeugt. Ich krieg ihn davon nicht los. Er hat es schließlich mit seinen eigenen Augen in Filmen gesehen. Es ist immer interessant mit welchen Augen die Kinder die Welt sehen.

An einem anderen Tag sieht Daniel (17 Jahre) im Buch einen weißen Menschen, wie er Tabak trocknet. Er kommt zu mir und fragt: „Machen sowas auch weiße Menschen?“ Ich erkläre ihn, dass auch in Deutschland Tabak verkauft wird. Er fängt laut an zu lachen und freut sich: „Hahaha und ich dachte, nur wir Farbigen machen sowas. Ihr Weiße kennt auch sowas.“ (Die Malawier haben ein sehr gutes Bild von uns „weißen“ Menschen. So ging zum Beispiel in manchen Teilen Malawis das Gerücht rum, dass wir Weiße zum Beispiel keinen Stuhlgang haben. Andere dachten, dass wir Engel sind und es gibt Gerüchte, dass Malawier deshalb schon mal Touristen ihr Kind in die Hand gedrückt haben. Und es bestand sogar auch mal das Gerücht, dass Weiße nur im Wasser leben und in der Oberfläche keine Luft bekommen. Deshalb musste ich bei diesem Satz von Daniel lachen. Ganz typisch malawisch dachte er auch, dass wir niemals auf solche Ideen kommen, Tabak zu verkaufen.




Begeisterung, die keine Grenzen kennt: Afrikas Schönheit


Es gibt Augenblicke bei denen man inne halten muss. Man weiß nicht, wohin mit all den Eindrücken, die man gewinnt. Man weiß nicht, ob man vor Freude weinen soll, oder vor Freude in die Luft springen soll. Da darf man das Atmen nicht vergessen! Die Natur ist das, wofür ich vollkommen zu begeistern bin. Ich mag es sehr rumzureisen, was mich jedoch hier erwartete, hätte ich nicht für denkbar gehalten. Ich habe bereits von den Naturerlebnissen im Dorf berichtet, jedoch konnte ich nicht ahnen, was Afrika noch mit sich bringt. Ich habe mir in diesem Moment gewünscht, all meine Freunde und Familie einfliegen zu lassen. Nur für diesen einen Moment. Ich bin völlig außer mir vor Enthusiasmus und vor Staunen. Wie schafft man nur sowas gewaltiges zu erfinden? Woher kommt all diese Gestaltungskraft? Woher so eine majestätische Phantasie? Ich habe mich nur gefragt, wie man all dies sehen kann und trotzdem nicht glaubt? Ich kann euch die schönsten Bilder zeigen, die wundervollsten Worte benutzen; jedoch wird es euch niemals das geben, was ich mit eigenen Augen gesehen habe. Um das vollkommen nachzuvollziehen, müsst ihr es selbst erleben. Ich möchte euch dennoch einen kleinen Einblick davon geben, nur ein Hauch eurer Vorstellungskraft anregen:

Es ist 5 Uhr morgens. Es ist trist, es ist kalt und es ist dunkel. Es ist still, nur das Wehen des Windes ist zu hören. Die ersten Vögel wachen auf und erfreuen sich des neuen Tages. Der Boden ist kalt, alles Leben auf der Erde liegt noch im Land der Träume. Selbst die fleißigen Ameisen ruhen sich aus. Auf dem Weg geht mit uns die Sonne auf. Sie zeigt sich in all ihren einfließenden Farben und in all ihrer Pracht. Vor uns liegt eine weitgehende Aussicht der malawischen Landschaft. Der Nebel deckt das Land wie ein weißes Seidentuch. Es schwirrt nicht herum, es liegt ganz sanft auf der Erde. Nur die Berge strecken sich aus und schauen über dem Nebel hinaus, was sich wohl an diesem neuen Tag tut. Der Ort, an dem wir leben, liegt 1100 Meter über den Meeresspiegel. Jetzt befinden wir uns jedoch in 1400 Meter Höhe. Könnt ihr euch vorstellen, was für ein Gefühl es ist, durch die Wolken des Himmels zu laufen? Sie befinden sich direkt vor einem. Es ist unbeschreiblich schön. 



Vor einigen Wochen sind wir als Freiwillige außer Landes gefahren. Unser Ziel: die Viktoriafälle in Livingstone, Sambia. Bei den Wasserfällen angekommen lässt sich auf einer Brücke zwischen Sambia und Simbabwe bereits erahnen, was uns erwartet. Der erste Blick in Nähe der Fälle lässt alle vor Erstaunen und Fassungslosigkeit still werden. Was vor einem liegt kann aus keiner Menschenhand entstanden sein. Es ist kolossal, gigantisch, großartig, wunderschön, prächtig,… Welche Worte soll ich benutzen, um euch näher zu bringen, was ich gesehen habe? So groß habe ich mir das alles bei weitem nicht vorgestellt. Ich höre nicht das Rauschen des Wassers, es ist vielmehr ein Strömen von Wassermengen; Quellen und Meere. 

Als hätten sich alle Wunder der Welt auf einem Fleck getroffen, um sich in ihrer Schönheit zu präsentieren. Der Dunst steigt auf und fällt auf uns nieder. Ich weiß nicht einmal, ob man das Dunst nennen kann. Es sind eher die Regenströme eines Gewitters. Weniger als eine Minute reicht absolut aus, um dich aussehen zu lassen, als seist du in den Fluss gesprungen. Kein Fleck bleibt trocken. Mitten in dieser Schönheit von Dunst; atemberaubende, gigantisch große und weite Wasserfälle, die stärker als jede Menschenhand ist; prachtvolle Farben eines Malers; entdecke ich einen Regenbogen: Zeichen der Gnade und Hoffnung. Wie auf einem Schaubild zeigt es sich. Dann der große Scheinwerfer in diesem Bild: die Sonne. Sie hebt die Geschmacksvollendung der Schönheit hervor. Und ich habe das große Privileg mitten in diesem Geschehen zu sehen. Ein Teil dieses Wunschbildes zu sein. Ich fühle mich absolut nicht würdig daran
teilzuhaben, aber da gibt es wohl jemand, der anders denkt. Er stellt mich mitten in dieses Geschehen und findet es perfekt. Das Schöne an diesem Ort ist, dass es so unberührt ist. Es wurde nicht verschönert oder optimiert. Es ist bereits perfekt. 

Durch dieses Naturerlebnis entsteht auf der anderen Seite was Neues. Durch all die Gischt des Wasserfalls entsteht ein Regenwald. Ich laufe durch und es fühlt sich so unreal an. All diese schönen Pflanzen, all die verschieden konstruierten Bäume, die frische und feuchte Luft und all die verschiedenen Tiere im Ort der Unberührtheit. Auch hier kann ich nichts Anderes sagen als: „es ist makellos!“ Als wir dann abends den Sonnenuntergang bewundern, sind der Tag und das Bild vollendet. Mit den Herden von Affen gemeinsam staunen wir rückblickend über all die Wunder der Natur. Es ist das Schönste was ich je in meinem Leben gesehen habe. Da muss wohl ein göttlicher Gedanke dahinter gewesen sein.