Malawis
Schattenseiten
Im
letzten Rundbrief habe ich viele Momente zusammen gefasst, die mich
zum schmunzeln gebracht haben. Momente, die ich mit viel Humor
gesehen habe und über die ich lachen musste. Das aber ist leider
nicht die einzige Seite in Malawi. So viele schöne und lustige
Seiten es auch in Malawi geben mag, es gibt auch eine andere
Realität: die Schattenseiten Malawis. Seiten, die das Land und die
Menschen in einem anderen Licht erscheinen lassen. Seiten, die einen
manchmal den Atem aufstocken lassen. Seiten, die einen in Gedanken
mitnehmen und manchmal tagelang verfolgen:
Ich
halte ein Baby in den Armen. Ich spiele mit dem Säugling. Oftmals
mache mich dabei zum Affen. Das ist mir aber egal, weil ich das Kind
einfach nur lachen sehen will. Dann jedoch zu erfahren, dass es
schwer krank ist, kann einen innerlich unruhig machen. Ein kleiner
unschuldiger Säugling ist mit einer Krankheit geboren. Aids. Eine
weit verbreitete Krankheit in Afrika. Natürlich, man versucht es
durch Tabletten und Ernährung so lange wie möglich am leben zu
lassen zu können. Es ändert dennoch nichts an der Situation. Das
Baby ist krank. Unheilbar krank. Todkrank.
Ich bin vormittags im Dorf unterwegs, um eine Familie aus unserem Projekt zu besuchen. Um mich herum viele Kinder. Kinder, die sich freuen jemand Fremdes im Dorf zu sehen. Da kommt die Frage auf: Warum sind sie nicht in der Schule? Eigentlich müssten sie jetzt im Unterricht sitzen. Sie erzählen dann, dass sie für jedes Halbjahr Geld zahlen müssen und sie das Geld nicht haben. Sobald die Eltern es zusammen gespart haben, können sie wieder in die Schule gehen. Als Außenstehender fragt man sich dann natürlich, wie viel man für einen Schulterm zahlen muss. Es muss schon viel sein, weil die Kinder bestimmt lieber in der Schule sein würden, als draußen ihre Zeit zu vertreiben. 150 Kwacha kosten drei Monate Unterricht. Könnt ihr euch vorstellen wie viel das ist? -Das sind weniger als 30 Cent. 30 Cent kann darüber entscheiden, ob ein Kind zur Schule gehen kann oder nicht. Die Eltern können sich für den Moment wirklich nicht leisten, die Schule für ihr Kind zu zahlen. Mich hat es zum Nachdenken angeregt. Mir ist nicht einmal eingefallen, was ich mir für 30 Cent kaufe. Ich kaufe mir In Deutschland höchstens für 1,50 Euro ein Kaffe. Aber 30 Cent. Was ist das schon in unseren Augen?
Ein
anderes Mal bin ich in einem etwas weiter entfernten Dorf unterwegs.
Mir fallen zwei Mädchen im Alter von 11- 12 Jahren auf. Sie sind für
ihr junges Alter ganz schön aufreizend angezogen. Es ist kurz vor
der Dunkelheit. Eigentlich müssten sie sich langsam auf dem Weg nach
Hause machen. Ein malawischer Freund erzählt mir dann etwas, was ich
nicht fassen konnte. Es sind Prostituierte. Meine Güte, ich frage
mich in dem Moment, wo die Eltern dieser jungen Mädchen sind. Wo
sind die Eltern, die Verantwortung für sie übernehmen? Eltern, die
sie eigentlich schützen sollten? Mir wird bewusst, dass einige
Familien einfach ums Überleben kämpfen. Ihnen ist es egal, wo das
Geld für weitere Mahlzeiten her kommt. Hauptsache nicht hungern. Sie
wollen überleben. Mir fällt auf, wie wohlbehütet ich aufgewachsen
bin. Ich habe Eltern, die mich von ganzen Herzen lieben und die ihr
Leben lang versucht haben, das Beste für uns Kinder zu geben. In dem
Alter habe ich mit meinen Freunden Hütten gebaut oder Fangen
gespielt. Hier verkaufen andere in diesem Alter ihr Körper für
andere, um zu überleben.
Menschen
die mich kennen, wissen, dass ich Gespräche liebe. Ich liebe es mir
anzuhören, was sie im Moment bewegt wie es ihnen geht. Die Teeny-
und jugendlichen Waisenkinder auf unserem Projekt wissen auch, dass
sie immer zu mir kommen und mit mir reden können. Letztens hat mir
ein Kind folgendes gesagt: „Natalie. Bitte, bitte, wenn du wieder
in Deutschland bist: Bitte vergiss mich nicht.“ In dem Moment bin
ich einfach still geworden. Ich hatte das Gefühl, dass mein Herz in
dem Moment stehen geblieben ist. Ihr ganzes Leben wurden sie
verlassen. Menschen, die sie liebten, haben sie verlassen. Sie kennen
es nicht anders und ich kann es ihnen echt nicht verübeln. Aber
denkt das Kind wirklich, dass ich, wenn ich in Deutschland bin, alles
hinter mich lasse und alles vergesse? Dass ich meine Erinnerungen
vergraben werde? Dass ich mein gutes Leben in Deutschland weiter lebe
und nicht mehr an sie denke? Das hat mir noch einmal gezeigt, wie
wertlos sich manche Kinder fühlen. Wir wollen ihnen etwas ganz
anderes vermitteln, aber bis sie es verstehen, kann es manchmal
dauern, weil sie in ihrer Vergangenheit einfach andere Erfahrungen
gemacht haben.
Ich möchte euch eine letzte Begebenheit aus der letzten Zeit erzählen: Dorfbesuch. Heute besuchen wir eine Familie. -Waisenkinder. Der Vater starb kurz vor der Geburt seines vierten Kindes. Von der Mutter weit und breit nichts zu sehen. Sie wurde angeblich aus Eifersucht ihrer Nachbarn vergiftet. Nun sind sie da. Alleine. Ohne Mama, ohne Papa. Ohne Perspektiven. Scheinbar ohne Hoffnung. Die Oma der verstorbenen Mutter nimmt also die vier verbliebenen Kinder auf und ist bereit ihre Liebe und Hingabe für die Kinder aufzuopfern. Da die Oma auch alleine lebt, weiß sie erst einmal nicht wie sie die Kinder mit Babynahrung versorgen soll. Vor einigen Jahren hört sie von unserem Babyprojekt und findet hier Zuflucht und Unterstützung für das Säugling Gellemu (Name geändert). Heute ist Lennard (Name geändert) 11 Jahre alt und sein jüngerer Bruder Gellemu ist 4Jahre alt. Die Oma ist schon sehr alt und sieht sehr gebrechlich aus. Das Dorf, indem sie leben sieht sehr leer aus. Das Haus dieser Familie fällt dabei besonders auf. Es sieht sehr heruntergekommen aus. Von der Terrasse und den Treppen auf der Rückseite ist kaum noch was übrig. Von niemanden was zu sehen. Aber dann entdeckt unsere Gruppe eine offene Hintertür. Als man das Haus betritt, kehrt Ruhe ein. Das ganze Haus gleicht einer Müllhalde und es kommt ein eigenartiger Geruch auf. Man steht in einem ca. 10m² großen Raum, welches noch drei Nebenzimmer hat. Vor der Tür liegt verschimmeltes Essen und mittendrin eine verbrannte Regentonne. Überall sieht man Berge voller Lumpen und Klamotten auf dem Boden. Bei näherem Betrachten fällt auf, dass auf den Kleidungs- und Lumpenhaufen Mäuse- und Rattenkot klebt. Auf dem Boden liegt eine herausgerissene Tür. Das Zimmer daneben ist voll mit Stroh und Ziegenmist und in den anderen beiden Zimmern liegt Eisengerümpel herum. Berge voller Bettlaken, Lumpen und Kleidung. Hinter diesen Müllbergen fragt man sich dann wo die Oma und die Kinder schlafen. Wo ist ihre Strohmatte? Man stellt fest, dass die Kinder keinen bestimmten Schlafort haben. Sie schlafen mitten in den Stoffbergen voller Kot und in dem ganzen Gestank. Die Oma lebt im Haus ihres Bruders. Auf der Tür entdeckt unsere MALO A MCHEREZO Gruppe dann folgendes Schreiben: „God protect his family and help every parents. Thank you God!“(„Gott schützt seine Familie und hilft allen Eltern. Vielen Dank Gott!“). Die Oma scheint mit ihren Enkel und Enkelinnen, dem Haus und der Situation überfordert zu sein. Dennoch verliert sie ihre Hoffnung nicht. Die Kinder haben weder Vater noch Mutter. Es scheint, als müsse die Oma für alles alleine sorgen. In diesem Moment noch zu sagen, dass Gott seine Familie schützt, allen Eltern hilft und sich noch dafür bedankt, ist echt herzergreifend und einfach bewundernswert.
Die Missionare beschließen, die beiden Kinder in eines unserer Häuser aufzunehmen. (Die meisten Waisen sind bei uns als Tageskinder registriert. Es gibt Verwandte, die sich um die Kinder kümmern können. Sie kriegen von uns regelmäßige Mahlzeiten, Kostenübernahme von Schuluniformen, Schulkosten, Schulmaterial, Kleidung, medizinische Behandlungen usw., aber sie leben zu Hause bei Verwandten. Die Kinder, bei denen die Umstände zu Hause so schlimm sind, dass sie für das Kind untragbar ist, wohnen in eines unserer Kinderhäuser). Nun stehen Oma, Gellemu und Lennard vor uns. Lennard versucht immer wieder mal zu lächeln, aber Gellemu scheint traurig zu sein. Sie sind verschwitzt und stehen mit einem Sack voller Kleidung vor uns. Sie warten. Die Oma hat die Kinder schon darauf vorbereitet, dass sie jetzt wo anders leben müssen, weil es das Beste für sie ist. Gellemu fragte darauf hin: „Aber Oma. Wer soll dann mit dir schlafen, wenn ich nicht mehr da bin?“. Dieses Bild ist so rührend. Die Oma scheint etwas entlastet auszusehen. Sie liebt ihre Enkel und will nur das Beste für sie. Als wir in dem anderen Projekt in Dombole ankommen, zeigen die Mitarbeiter den beiden ihr neues Zuhause und heißen sie herzlich Willkommen. Solange die Oma mit allen notwendigen Infos versorgt wird, sind die beiden Kinder bei mir. Ich versuche sie abzulenken und sie etwas zu beschäftigen. Mir fällt diese Situation auch so unglaublich schwer, aber ich weiß, dass sie es irgendwann verstehen und dafür dankbar sein werden. Also frage ich sie über alles Mögliche aus, damit ich sie etwas ablenken kann. Ich habe Malbücher und Buntstifte mitgenommen. Lennard fängt an zu strahlen. Sie sehen Bilder, aber sie wissen nicht, was sie damit anfangen sollen. Ich erkläre ihnen, dass sie es ausmalen können, damit es bunt wird. - Lieber Leser, ich habe noch nie in meinem Leben ein Kind gesehen, dass mit so einer Freude malt. Ich denke, sie haben so etwas noch nie gemacht. Lennard war vollkommen aufgelöst und nicht mehr zu stoppen. Er kann nicht aufhören zu strahlen. Gellemu hatte anscheinend noch nie zuvor ein Stift in der Hand gehalten. Er wundert sich nur, warum da Farben raus kommen, wenn man es an einem Blatt Papier drückt. Dann nehme ich beide mit zur Schaukel. Sie schauen sich die Schaukel an und wissen nicht ganz was es ist. Ich zeig ihnen wie das funktioniert. Anfangs sieht es noch sehr unbeholfen aus. Ich schubs den Kleinen an und endlich: Auch Gellemu fängt an zu lachen.
Abschiede
sind nie einfach. Aber ich weiß, welche Möglichkeiten ihnen geboten
werden und wie ihre Zukunft aussehen kann. -Heute sind Lennard und
Gellemu schon 1,5 Monate auf dem Projekt. Ihr solltet sie jetzt
sehen! Lennard scheint ein begabter Trommelspieler zu sein und er
scheint schon viele Freunde gefunden zu haben. Ich sehe ihn immer nur
am grinsen. Gellemu hat zwar länger gebraucht, aber er macht sich
jetzt sehr gut. Er freut sich wenn ich komme und er liebt es mit mir
kuscheln oder Fangen zu spielen. Endlich hat er wieder etwas Freude.
Er hat einen Freund gefunden und sie sind jetzt fast immer zusammen.
Bei solchen Geschichten geht mir das Herz auf und ich bin glücklich,
einen ganz kleinen Teil der Veränderung mit beigetragen zu haben.