Sonntag, 6. Dezember 2015

3. Rundbrief

Malawis Schattenseiten
Im letzten Rundbrief habe ich viele Momente zusammen gefasst, die mich zum schmunzeln gebracht haben. Momente, die ich mit viel Humor gesehen habe und über die ich lachen musste. Das aber ist leider nicht die einzige Seite in Malawi. So viele schöne und lustige Seiten es auch in Malawi geben mag, es gibt auch eine andere Realität: die Schattenseiten Malawis. Seiten, die das Land und die Menschen in einem anderen Licht erscheinen lassen. Seiten, die einen manchmal den Atem aufstocken lassen. Seiten, die einen in Gedanken mitnehmen und manchmal tagelang verfolgen:
Ich halte ein Baby in den Armen. Ich spiele mit dem Säugling. Oftmals mache mich dabei zum Affen. Das ist mir aber egal, weil ich das Kind einfach nur lachen sehen will. Dann jedoch zu erfahren, dass es schwer krank ist, kann einen innerlich unruhig machen. Ein kleiner unschuldiger Säugling ist mit einer Krankheit geboren. Aids. Eine weit verbreitete Krankheit in Afrika. Natürlich, man versucht es durch Tabletten und Ernährung so lange wie möglich am leben zu lassen zu können. Es ändert dennoch nichts an der Situation. Das Baby ist krank. Unheilbar krank. Todkrank.


Ich bin vormittags im Dorf unterwegs, um eine Familie aus unserem Projekt zu besuchen. Um mich herum viele Kinder. Kinder, die sich freuen jemand Fremdes im Dorf zu sehen. Da kommt die Frage auf: Warum sind sie nicht in der Schule? Eigentlich müssten sie jetzt im Unterricht sitzen. Sie erzählen dann, dass sie für jedes Halbjahr Geld zahlen müssen und sie das Geld nicht haben. Sobald die Eltern es zusammen gespart haben, können sie wieder in die Schule gehen. Als Außenstehender fragt man sich dann natürlich, wie viel man für einen Schulterm zahlen muss. Es muss schon viel sein, weil die Kinder bestimmt lieber in der Schule sein würden, als draußen ihre Zeit zu vertreiben. 150 Kwacha kosten drei Monate Unterricht. Könnt ihr euch vorstellen wie viel das ist? -Das sind weniger als 30 Cent. 30 Cent kann darüber entscheiden, ob ein Kind zur Schule gehen kann oder nicht. Die Eltern können sich für den Moment wirklich nicht leisten, die Schule für ihr Kind zu zahlen. Mich hat es zum Nachdenken angeregt. Mir ist nicht einmal eingefallen, was ich mir für 30 Cent kaufe. Ich kaufe mir In Deutschland höchstens für 1,50 Euro ein Kaffe. Aber 30 Cent. Was ist das schon in unseren Augen?

Ein anderes Mal bin ich in einem etwas weiter entfernten Dorf unterwegs. Mir fallen zwei Mädchen im Alter von 11- 12 Jahren auf. Sie sind für ihr junges Alter ganz schön aufreizend angezogen. Es ist kurz vor der Dunkelheit. Eigentlich müssten sie sich langsam auf dem Weg nach Hause machen. Ein malawischer Freund erzählt mir dann etwas, was ich nicht fassen konnte. Es sind Prostituierte. Meine Güte, ich frage mich in dem Moment, wo die Eltern dieser jungen Mädchen sind. Wo sind die Eltern, die Verantwortung für sie übernehmen? Eltern, die sie eigentlich schützen sollten? Mir wird bewusst, dass einige Familien einfach ums Überleben kämpfen. Ihnen ist es egal, wo das Geld für weitere Mahlzeiten her kommt. Hauptsache nicht hungern. Sie wollen überleben. Mir fällt auf, wie wohlbehütet ich aufgewachsen bin. Ich habe Eltern, die mich von ganzen Herzen lieben und die ihr Leben lang versucht haben, das Beste für uns Kinder zu geben. In dem Alter habe ich mit meinen Freunden Hütten gebaut oder Fangen gespielt. Hier verkaufen andere in diesem Alter ihr Körper für andere, um zu überleben.

In der Gegend, wo ich lebe fällt desweiteren eine Sache ganz stark auf. Egal wohin ich gehe: Ich sehe immer nur Mütter mit ihren Kindern. Eine Familie mit Vater, Mutter und Kindern ist eine Seltenheit. Wenn ich mit Familienkindern in meinem Alter rede, erzählen sie mir immer, dass sie nie einen Vater hatten. Ich habe mir die Frage gestellt, wie das kommt. Ich musste leider feststellen, dass Malawi voller Väter sind, die keine Verantwortung übernehmen wollen. Männer, die es nie gelernt haben, für ihre Familie einzustehen. Beispielsweise habe ich letztens folgende Geschichte gehört: „ Eine glückliche Familie. Ein Vater, eine Mutter und 3 Kinder. Alles scheint perfekt zu sein. Sie liebt ihn von Herzen und er war immer ein guter Vater zu seinen Kindern. Eines Tages kommt er zu seiner Frau und sagt, dass er zur Stadt muss, weil er sich im Krankenhaus um seine Cousine kümmern muss. (Im malawischen Krankenhaus muss ein Familienangehöriger des Patienten dabei sein, um sich für regelmäßige Mahlzeiten zu kümmern). Sie lässt ihn gehen. Etwas aber scheint komisch zu sein. Der Mann ist einige Tage weg und dann zögert es sich auf Wochen hinaus. Irgendwann hat sie genug, nimmt den langen Weg zur Stadt auf sich und fragt im Krankenhaus nach ihrem Mann. Sie erfährt von Bekannten, dass ihr Mann dieses Wochenende geheiratet hat. Er hat eine jüngere Frau geheiratet, die jedoch schon 5 Kinder hat.“ Das verrückte an dieser Geschichte ist: Es ist nicht irgendeine Frau. Der Bruder von dem Mann ist eine Woche zuvor gestorben. Er hat die Frau seines verstorbenen Bruders geheiratet. Er war nicht einmal ehrlich genug zu seiner Frau, um sie darauf vorzubereiten, dass er sie verlassen wird. Er lässt sie im Ungewissen zu Hause auf ihn warten. Die Mutter hat jetzt ein Problem. Sie muss sich, um ihre Kinder und sich selbst kümmern. Jetzt sitzt sie alleine da. Ohne einen Job, ohne ihren Ehemann und mit 3 Kindern, die regelmäßiges Essen brauchen.

Menschen die mich kennen, wissen, dass ich Gespräche liebe. Ich liebe es mir anzuhören, was sie im Moment bewegt wie es ihnen geht. Die Teeny- und jugendlichen Waisenkinder auf unserem Projekt wissen auch, dass sie immer zu mir kommen und mit mir reden können. Letztens hat mir ein Kind folgendes gesagt: „Natalie. Bitte, bitte, wenn du wieder in Deutschland bist: Bitte vergiss mich nicht.“ In dem Moment bin ich einfach still geworden. Ich hatte das Gefühl, dass mein Herz in dem Moment stehen geblieben ist. Ihr ganzes Leben wurden sie verlassen. Menschen, die sie liebten, haben sie verlassen. Sie kennen es nicht anders und ich kann es ihnen echt nicht verübeln. Aber denkt das Kind wirklich, dass ich, wenn ich in Deutschland bin, alles hinter mich lasse und alles vergesse? Dass ich meine Erinnerungen vergraben werde? Dass ich mein gutes Leben in Deutschland weiter lebe und nicht mehr an sie denke? Das hat mir noch einmal gezeigt, wie wertlos sich manche Kinder fühlen. Wir wollen ihnen etwas ganz anderes vermitteln, aber bis sie es verstehen, kann es manchmal dauern, weil sie in ihrer Vergangenheit einfach andere Erfahrungen gemacht haben.


Ein Hoffnungsschimmer mitten im Chaos


Ich möchte euch eine letzte Begebenheit aus der letzten Zeit erzählen: Dorfbesuch. Heute besuchen wir eine Familie. -Waisenkinder. Der Vater starb kurz vor der Geburt seines vierten Kindes. Von der Mutter weit und breit nichts zu sehen. Sie wurde angeblich aus Eifersucht ihrer Nachbarn vergiftet. Nun sind sie da. Alleine. Ohne Mama, ohne Papa. Ohne Perspektiven. Scheinbar ohne Hoffnung. Die Oma der verstorbenen Mutter nimmt also die vier verbliebenen Kinder auf und ist bereit ihre Liebe und Hingabe für die Kinder aufzuopfern. Da die Oma auch alleine lebt, weiß sie erst einmal nicht wie sie die Kinder mit Babynahrung versorgen soll. Vor einigen Jahren hört sie von unserem Babyprojekt und findet hier Zuflucht und Unterstützung für das Säugling Gellemu (Name geändert). Heute ist Lennard (Name geändert) 11 Jahre alt und sein jüngerer Bruder Gellemu ist 4Jahre alt. Die Oma ist schon sehr alt und sieht sehr gebrechlich aus. Das Dorf, indem sie leben sieht sehr leer aus. Das Haus dieser Familie fällt dabei besonders auf. Es sieht sehr heruntergekommen aus. Von der Terrasse und den Treppen auf der Rückseite ist kaum noch was übrig. Von niemanden was zu sehen. Aber dann entdeckt unsere Gruppe eine offene Hintertür. Als man das Haus betritt, kehrt Ruhe ein. Das ganze Haus gleicht einer Müllhalde und es kommt ein eigenartiger Geruch auf. Man steht in einem ca. 10m² großen Raum, welches noch drei Nebenzimmer hat. Vor der Tür liegt verschimmeltes Essen und mittendrin eine verbrannte Regentonne. Überall sieht man Berge voller Lumpen und Klamotten auf dem Boden. Bei näherem Betrachten fällt auf, dass auf den Kleidungs- und Lumpenhaufen Mäuse- und Rattenkot klebt. Auf dem Boden liegt eine herausgerissene Tür. Das Zimmer daneben ist voll mit Stroh und Ziegenmist und in den anderen beiden Zimmern liegt Eisengerümpel herum. Berge voller Bettlaken, Lumpen und Kleidung. Hinter diesen Müllbergen fragt man sich dann wo die Oma und die Kinder schlafen. Wo ist ihre Strohmatte? Man stellt fest, dass die Kinder keinen bestimmten Schlafort haben. Sie schlafen mitten in den Stoffbergen voller Kot und in dem ganzen Gestank. Die Oma lebt im Haus ihres Bruders. Auf der Tür entdeckt unsere MALO A MCHEREZO Gruppe dann folgendes Schreiben: „God protect his family and help every parents. Thank you God!“(„Gott schützt seine Familie und hilft allen Eltern. Vielen Dank Gott!“). Die Oma scheint mit ihren Enkel und Enkelinnen, dem Haus und der Situation überfordert zu sein. Dennoch verliert sie ihre Hoffnung nicht. Die Kinder haben weder Vater noch Mutter. Es scheint, als müsse die Oma für alles alleine sorgen. In diesem Moment noch zu sagen, dass Gott seine Familie schützt, allen Eltern hilft und sich noch dafür bedankt, ist echt herzergreifend und einfach bewundernswert. 
Die Missionare beschließen, die beiden Kinder in eines unserer Häuser aufzunehmen. (Die meisten Waisen sind bei uns als Tageskinder registriert. Es gibt Verwandte, die sich um die Kinder kümmern können. Sie kriegen von uns regelmäßige Mahlzeiten, Kostenübernahme von Schuluniformen, Schulkosten, Schulmaterial, Kleidung, medizinische Behandlungen usw., aber sie leben zu Hause bei Verwandten. Die Kinder, bei denen die Umstände zu Hause so schlimm sind, dass sie für das Kind untragbar ist, wohnen in eines unserer Kinderhäuser). Nun stehen Oma, Gellemu und Lennard vor uns. Lennard versucht immer wieder mal zu lächeln, aber Gellemu scheint traurig zu sein. Sie sind verschwitzt und stehen mit einem Sack voller Kleidung vor uns. Sie warten. Die Oma hat die Kinder schon darauf vorbereitet, dass sie jetzt wo anders leben müssen, weil es das Beste für sie ist. Gellemu fragte darauf hin: „Aber Oma. Wer soll dann mit dir schlafen, wenn ich nicht mehr da bin?“. Dieses Bild ist so rührend. Die Oma scheint etwas entlastet auszusehen. Sie liebt ihre Enkel und will nur das Beste für sie. Als wir in dem anderen Projekt in Dombole ankommen, zeigen die Mitarbeiter den beiden ihr neues Zuhause und heißen sie herzlich Willkommen. Solange die Oma mit allen notwendigen Infos versorgt wird, sind die beiden Kinder bei mir. Ich versuche sie abzulenken und sie etwas zu beschäftigen. Mir fällt diese Situation auch so unglaublich schwer, aber ich weiß, dass sie es irgendwann verstehen und dafür dankbar sein werden. Also frage ich sie über alles Mögliche aus, damit ich sie etwas ablenken kann. Ich habe Malbücher und Buntstifte mitgenommen. Lennard fängt an zu strahlen. Sie sehen Bilder, aber sie wissen nicht, was sie damit anfangen sollen. Ich erkläre ihnen, dass sie es ausmalen können, damit es bunt wird. - Lieber Leser, ich habe noch nie in meinem Leben ein Kind gesehen, dass mit so einer Freude malt. Ich denke, sie haben so etwas noch nie gemacht. Lennard war vollkommen aufgelöst und nicht mehr zu stoppen. Er kann nicht aufhören zu strahlen. Gellemu hatte anscheinend noch nie zuvor ein Stift in der Hand gehalten. Er wundert sich nur, warum da Farben raus kommen, wenn man es an einem Blatt Papier drückt. Dann nehme ich beide mit zur Schaukel. Sie schauen sich die Schaukel an und wissen nicht ganz was es ist. Ich zeig ihnen wie das funktioniert. Anfangs sieht es noch sehr unbeholfen aus. Ich schubs den Kleinen an und endlich: Auch Gellemu fängt an zu lachen.
 
Abschiede sind nie einfach. Aber ich weiß, welche Möglichkeiten ihnen geboten werden und wie ihre Zukunft aussehen kann. -Heute sind Lennard und Gellemu schon 1,5 Monate auf dem Projekt. Ihr solltet sie jetzt sehen! Lennard scheint ein begabter Trommelspieler zu sein und er scheint schon viele Freunde gefunden zu haben. Ich sehe ihn immer nur am grinsen. Gellemu hat zwar länger gebraucht, aber er macht sich jetzt sehr gut. Er freut sich wenn ich komme und er liebt es mit mir kuscheln oder Fangen zu spielen. Endlich hat er wieder etwas Freude. Er hat einen Freund gefunden und sie sind jetzt fast immer zusammen. Bei solchen Geschichten geht mir das Herz auf und ich bin glücklich, einen ganz kleinen Teil der Veränderung mit beigetragen zu haben.



Samstag, 31. Oktober 2015

2. Rundbrief



Alltag in Malawi


Wie sieht der Alltag in Malawi aus? Diese Frage wird mir oft gestellt. Um diese Frage zu beantworten, habe ich viele Erlebnisse zusammengefasst. Eines kann ich euch schon von Vornherein versprechen: Es ist sehr vieles anders, als wie wir es in Deutschland gewohnt sind:



Ein wunderschöner Tag. Die Sonne scheint, ein Malawier singt und ein frischer Luftzug geht durch das Zimmer. Ein Tag könnte kaum besser anfangen. Alles scheint danach auszusehen, dass der Tag nur gut verlaufen wird. Ich stehe auf und gehe ins Bad. Selbstverständlich betätige ich den Lichtschalter, doch von Licht keine Spur. Mal wieder Stromausfall! (Das gesamte Land wird durch 3 Wasserkrafträder mit Strom versorgt. Im Moment sind 2 unserer Wasserkrafträder ausgefallen und defekt. Deshalb wird der vorhandene Strom in ganz Malawi aufgeteilt.“)

Ganz selbstverständlich nehme ich meine Taschenlampe, da unser Bad nicht hell beleuchtet ist. Schon wieder laufen Ameisen, Tausendfüßler oder Kakerlaken umher. Mit Ameisen und Tausendfüßler habe ich ja noch Mitleid und trage sie raus, aber bei Kakerlaken ist es anders. So gern ich auch Tiere habe, bei Kakerlaken mach ich mit meinen Schlappen kurzen Prozess. Dann gehe ich ins Wohnzimmer und schüttele zur Sicherheit meine Schuhe aus, denn darin könnte sich ein Skorpion oder eine Spinne verstecken. Das passiert hier nicht jeden Tag, sondern eher selten. Aber man weiß ja nie…  Das ich einen bodenlangen Rock anhabe, fällt mir schon nicht mehr auf. (In Malawi gilt das Knie der Frau als Schammerkmal und es ist ein absolutes Tabu sich in der Öffentlichkeit mit Hose oder offenen Knien zu zeigen). Dann gehe ich in die Küche und möchte etwas Heimatgefühl zurück ins Leben rufen. Mit meinen Arbeitskollegen in Deutschland am Morgen einen Kaffee zu trinken, ist für mich eines der besten Momente. Dieses Gefühl hier nach Malawi zu bekommen, ist gar nicht so einfach. Ich nehme ein grobes Sieb und versuche Kaffee zu filtern. Ob das gelingt ist eine andere Frage. Was soll ich sagen? Es ist nicht so ganz das, was man es sich vorstellt. Nun ja, man gibt sich dann eben mit einem Kaffe voller Klumpen zufrieden. Hauptsache etwas Heimatsgefühl!
 
Dann bricht die Mittagszeit an. Heute bin ich zu Besuch bei einer malawischen Familie. Vor mir steht ein Teller voll von malawischen „Leckereien“. Von Gabel oder Messer jedoch ist weit und breit keine Spur. Gegessen wird ganz selbstverständlich mit Händen. Fische werden mit Kopf, Augen und Schwanzflosse serviert. Schweine- oder Rindfleisch sind zäh wie Gummi und manchmal sind am Fleischstück noch Haare dran. Malawi ist wohl das gastfreundlichste Land der Welt und dass für einen ein Mahl vorbereitet wird, ist völlig normal. Wenn man dann ein Fleischstück voller Speck, Knorpel und Haaren in der Hand hält, rattert bei einem der Kopf. Ein Schauer geht über meine Schultern, wenn ich denke, da rein zu beißen. Ekel ist hier aber absolut fehl am Patz, also beißt man in das Fleisch, um nicht unhöflich zu sein und um der Gastgeberin Wertschätzung auszusprechen. 


Anders als in Deutschland läuft man nicht aneinander vorbei, sondern wird von jedem freundlich begrüßt. Malawi gilt nicht um sonst, als das „warme Herz Afrikas“. Hier ist man als „Weißer“ eine Sensation. Sollte sich jemand einsam oder ungeliebt fühlen: kommt nach Malawi! Es rennen einem Kinder hinterher und rufen: „Azuuungu!“ (ein Weißer). Alle wollen einen sehen und Hallo sagen. So ist es keine Seltenheit, wenn man sich allein auf dem Weg macht und dann im Endeffekt mit 50 Kindern wieder ankommt. 

Kennt ihr das, wenn ihr unbewusst eine Person anstarrt, die Person euch dann anguckt und man dann wieder schnell weg schaut? Hier in Malawi ist es etwas anders. Die Personen starren dich an, dann guckst du sie an, aber sie starren dich dennoch an. Sie gucken nicht weg! Sie sind so fasziniert davon, einen weißen Menschen zu sehen und schämen sich nicht, einen anzustarren. So war ich vor ca. einem Monat in einem Dorf unterwegs. Ich war auf dem Weg zu einer Hochzeit. In dem Dorf hatten die Menschen anscheinend sehr selten Besuch von weißen Menschen bekommen. Ich hab die Kinder begrüßt. Die einen Kinder konnten nicht aufhören zu starren. Andere ganz kleine Kinder jedoch sind weggerannt und haben sogar angefangen zu weinen. Sie haben noch nie einen weißen Menschen gesehen. Ihr Leben lang sehen sie dunkelhäutige Menschen um sich herum und plötzlich steht –so stell ich es mir vor- ein krankes „Bleichgesicht“ vor ihnen.

Dann bin ich mit Malawiern unterwegs und ich entdecke einen Fahrradfahrer. Ich zeige meinen Freunden diesen Fahrer und sie gucken lange hin und her und fragen sich was ich so besonders finde. (Der Fahrradfahrer hat quer auf seinem Gepäckträger eine riesen Sau liegen. Die Sau war viel größer, breiter  und gefühlt schwerer als der arme zerbrechliche Fahrer. Er hat versucht auf dem staubigen Weg, mit den vielen Schlaglöchern, sein Gleichgewicht zu halten, um keinesfalls umzukippen.) Dieses Bild hat mich so sehr fasziniert. Wie kann man eine Sau auf dem Fahrrad transportieren, zumal ich erfahren habe, dass die Sau noch lebt? –Als meine Freunde verstehen, dass es der Fahrradfahrer ist, der mich fasziniert, fangen sie an, ganz laut zu lachen. Sie verstehen bis heute nicht, was ich besonders daran finde. Es ist doch nur ein ganz „normaler“ Fahrradfahrer mit einer lebenden Sau auf dem Gepäckträger.
Wenn man in der Stadt unterwegs ist, hört man überall laute Musik. In Deutschland hätte man sich bei dem Lärm schon längst beschwert. In Malawi ist das Denken etwas anders: Man gilt hier als egoistisch, wenn man die Musik nur für sich hören will. Also dreht man bis zum Maximum auf, sodass es das ganze Dorf hört. Nun, die Boxen sind ja nicht gerade die Besten, also ist da meistens mehr Brummen, als richtige Musik. Da ist es auch keine Seltenheit, wenn man die ganze Nacht afrikanische Musik hören muss. – Gott sei Dank habe ich Oropax dabei. ;)


Die Kultur gilt als sehr lebendig und fröhlich. Beim zugucken eines Fußballspiels musste ich entdecken, dass die Menschen nicht einfach nur anfeuern. Nein, sie singen und tanzen für ihre Mannschaften. Sowas habe ich noch nie erlebt. So viel Freude, dass es einen förmlich ansteckt. Die Gesellschaft ist teilweise noch vom Denken her etwas konservativer eingestellt, aber wenn sie singen vergessen sie alles.
Vor zwei Jahren habe ich anfangs nicht verstanden, warum mir einige Kinder nicht antworten, als ich sie was gefragt habe. Irgendwann habe ich verstanden, dass dieses Augenbrauen hochziehen auch „Ja“ bedeutet. Irgendwann wundert man sich nicht mehr, wenn man fragt, ob alles klar ist und das Kind nur die Augenbrauen hoch zieht.

Wenn ich im Dorf bin, rede ich mit den Menschen auf der Landessprache Chichewa. Es ist noch alles andere als perfekt, aber man kann sich unterhalten. Und da ist mir damals aufgefallen, dass sie auch manchmal aufhören zu reden und meine Fragen nicht beantwortet haben. Heute verstehe ich warum: Sie sind tatsächlich so perplex und sprachlos, dass ein weißer Mensch ihre Sprache gelernt hat und so redet wie sie. Sie können es einfach nicht verstehen und fühlen sich von Herzen geehrt und sind berührt davon. -Ganz anders ist es bei den Kindern: Wenn man Chichewa mit ihnen redet, hören sie gar nicht mehr auf. Sie reden und reden und reden. Ihnen fällt gar nicht auf, dass man nicht alles versteht. Für sie ist es ganz selbstverständlich: „Natürlich kann sie Chichewa reden.“
Anschließend freut man sich dann nach einem anstrengenden Tag auf eine schöne warme Dusche. Naja, nicht so ganz bei uns. Nach einem anstrengenden Tag wartet eine eiskalte Dusche aus dem tiefsten Brunnen auf einen. -Ganz schnell kommt man zurück in die Realität und merkt, dass es nur ein Wunschdenken war, warm zu duschen. ( -Mittlerweile hat man sich aber schon an die Kälte des Wassers gewöhnt und kann es bei den immer heißer werdenden Temperaturen genießen.;)).
 

Soviel zu den Dingen, die etwas anders ablaufen, als in Deutschland. Mir mangelt es wirklich an nichts hier und es geht mir super. Ich hab jetzt schon so unglaublich viel erlebt, dass ich gar nicht weiß, wohin ich mit meinen Gedanken soll. Diese Zeilen geben euch hoffentlich einen guten Einblick von dem Leben hier vor Ort. Ich hab so viel mehr, wovon ich euch gerne berichten will. Ich hab in der Zeit viele tolle Momente erlebt, die ich am liebsten mit jedem teilen würde. Aber auch Momente, die mich zum Nachdenken angeregt haben. Momente, an denen ich meine Tränen vor den Augen der Kinder zurück halten musste. Momente, die mich in Gedanken tagelang mitgenommen haben. Aber einiges darüber, erfährt ihr bei meinem nächsten Rundbrief.
                        



Danke für eure Gebete. Ich fühl mich so unglaublich gesegnet und getragen. Ich bin einfach nur glücklich und unendlich dankbar.



Sonntag, 6. September 2015

1. Rundbrief



Ein Ankommen im alten zu Hause

Ich steige aus dem Flugzeug und ein Lächeln geht über meine Lippen. Malawi! Die Luft, die Menschen, die atemberaubende Natur, alles scheint so vertraut und es hat sich in meinem Gedächtnis vollkommen eingebrannt. Ich bin völlig überwältigt wieder hier zu sein. Aufstehen im vertrauten Zimmer, mit demselben Lärm wie damals. Der Hahn kräht, die Hühner gackern, der Affe möchte auch auf sich Aufmerksam machen und zeigen, dass er wach ist, die Schweine grunzen und unser lieber Esel hat das I A auch nicht verlernt. MALO A MCHEREZO- ein Ort der Geborgenheit für Kinder, die eben diese Geborgenheit vorher nie erleben konnten.  Es hat sich schon herum gesprochen. Natalie ist wieder da. Aus der Ferne höre ich: „ Hey, Nchana!“ Nchana ist der Name den mir die Kinder damals gegeben haben. Es heißt so viel wie „hübsches Mädchen“. Ich weiß zwar bis heute nicht, wie sie auf den Namen kommen, aber ich habe mich damit schon ein stückweit angefreundet. Lachende Kinder rennen mir entgegen. Meine Güte, als wäre ich nie weg gewesen. Einige Tränen fließen über meine Wangen. Ich habe die Kinder so sehr vermisst. Einige umarmen mich, andere klettern auf meine Arme, andere auf meinen Rücken bis zur Schulter. Ich muss lachen- sie sind schwerer geworden. Ich genieße den Moment. Ich muss nicht viel sagen. Ich sehe die strahlenden Augen der Kinder. Es geht ihnen gut, man hat sich gut um sie gekümmert. Auf dem Boden sitzen einige Teeny Mädels. Sie glauben nicht, dass ich da bin. 2 Jahre sind vergangen. Mein Herz geht auf. Man hat sich viel zu erzählen. Ich habe die älteren Waisen im Teeny- und Jugendalter gefragt, ob sie geglaubt hätten, dass ich wieder komme, als ich es ihnen damals versprochen hatte. Keiner hat es mir geglaubt. Menschen aus Deutschland kommen, sie gehen wieder und kommen oftmals nie wieder. Sie kennen es nicht anders. Die kleinen Kinder jedoch haben gesagt, dass sie immer wussten, dass ich wieder kommen werde. Jetzt weiß ich umso mehr, was Jesus damals meinte als er sagte, dass wir so werden sollen wie die Kinder. Sie haben so einen großen Glauben. Ich finde, wir sollten uns das zum Vorbild nehmen.


1 Monat ist nun fast vergangen und ich habe jetzt schon so viel erlebt und so viel für mich mitgenommen. Es freut mich zu sehen, wie gut sich einige Kinder entwickelt haben. Wie einige Mädchen zu Frauen wurden oder wie sich „schwierige“ Kinder zu liebevollen Kindern verändert haben. Ich versuche, so viel Zeit wie möglich in sie zu investieren und ihnen zu zeigen, wie wertvoll sie in meinen Augen sind. Ich möchte euch eine Geschichte von einem Kind erzählen, damit ihr euch stückweise vorstellen könnt, was einige Kinder durchgemacht haben und wo sie wären, wenn sie heute nicht bei uns wären. Chisomo (Name geändert), 8 Jahre alt, lebt zu Hause mit seiner Mutter. Irgendwann schmeißt seine Mutter ihn raus und er muss auf der Straße leben. Getrieben von Hunger läuft er von Straße zu Straße, auf der Suche nach etwas Essbarem. Auf der Straße überlebt man nur, wenn man sich durchkämpft und sich stark zeigt. Irgendwann ist er so hungrig, dass er wieder nach Hause geht und sich etwas zu essen nimmt. Seine Mutter erwischt seinen Sohn und beschimpft ihn als Dieb. Sie fesselt Chisomo vor dem Haus an Beinen und Händen und lässt ihn 3 Tage in der prallen Sonne ohne Essen und Trinken liegen. Er kommt wieder auf die Straße, kämpft sich lange Zeit durch und schließlich klopft Chisomo an der Tür von einem unsere Waisenhäuser und fragt ob er etwas zu essen bekommt. Normalerweise werden nur Waisenkinder bei uns aufgenommen, aber weil er von der Straße kommt und noch so jung ist, wurde beschlossen, ihn ins Projekt aufzunehmen. Als die Mutter gefragt wurde, ob wir Chisomo aufnehmen dürfen, sagte sie nur: „Take him. He´s unloveble!“ („Nimmt ihn. Man kann ihn nicht lieben!“) Traurig, wenn man dem eigenen Kind keine Liebe geben kann. So geht es vielen hier. Einige landen auf der Straße, andere im Mülleimer und andere geraten an eine Mafia. Ein Großteil einer ganzen Generation ist hier an AIDS verstorben. Viele Mütter sterben wegen mangelnder medizinischer Versorgung bei der Geburt ihrer Kinder. Man sieht viele Omas, Opas und Jugendliche mit ihren Kindern. Die Generation meiner Eltern ist weniger vertreten.

In Deutschland wurde ich oft gefragt, warum ich das alles mache. Schaut euch das Lächeln der Waisenkinder an, dann versteht ihr vielleicht, was der Grund dafür ist! Vielen Dank für eure Unterstützung meine Lieben. Gottes Segen euch.

Vorwort




Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Natalie. Mein neues zu Hause für das folgende Jahr ist Malawi. Malawi ist eines der ärmsten Länder auf der Welt und dementsprechend ist hier Armut, Prostitution  und Korruption Alltag. Im Folgenden möchte ich euch einen Einblick geben und euch berichten, was ich mache und was ich erlebe. Aber lasst mich etwas zu meiner Person sagen. Als ich klein war habe ich zu meiner Mutter gesagt: „Mama, wenn ich groß bin, werde ich den Kindern in Afrika helfen.“ Dieser Wunsch in meinem Herzen hat mich nie losgelassen. Dieser Gedanke war immer präsent in meinem Leben und hat sich in mich eingebrannt. Als ich 19 Jahre alt war, hatte ich die Möglichkeit, für einige Monate nach Malawi zu gehen, um dort in einem Waisenhaus tätig zu sein. Ich habe in Deutschland alles stehen und liegen gelassen und bin in den Flieger gestiegen. Angekommen bin ich in einer völlig anderen Welt. Eine Welt, die man normalerweise nur aus Filmen oder Bildern kennt. Die Zeit in Afrika hat mein Leben absolut geprägt und es hat meine Einstellungen in Bezug auf das Leben vollkommen verändert. Ich habe verstanden, dass es 1000 wichtigere Dinge gibt, als das was einen vorgelebt wird und was man eingetrichtert bekommt. Karriere, Geld und Erfolg prägen das Leben vieler Menschen und ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich auch danach gestrebt habe. Etwas zu sein und viel zu erreichen, sodass man stolz auf sich sein kann. In Malawi musste ich jedoch was ganz anderes feststellen. Die Menschen hier leben teilweise in Dreck, ohne vernünftiges Essen, schlafen auf einer Strohmatte, leben in herabgekommenen „Häusern“ und basteln sich ihr Spielzeug aus Erde. Und wisst ihr was? Sie sind trotz all dem zufrieden und glücklich. Glücklicher als einige Menschen in Deutschland.
Ich kam zurück nach Deutschland um erst einmal meine Ausbildung in Deutschland fertig zu machen. Ich wusste trotzdem: Ich komme definitiv zurück! Ich habe es schließlich „meinen“ Kindern aus dem Waisenhaus versprochen. Angekommen in Deutschland bin ich erst mal in ein tiefes Loch gefallen. Um mich herum so viele unzufriedene Menschen und die Gesichter in die man sieht, die leer sind.  Man wächst in dieser Gesellschaft auf und es ist für einen normal. Das erste Mal habe ich die Welt um mich herum mit anderen Augen betrachtet und war traurig zu sehen, wie unglücklich einige Menschen sind. Ich habe das Riesenhaus meiner Familie gesehen, indem ich lebe, die großen Räume, das Essen auf dem Tisch, eine Toilette die man ganz selbstverständlich benutzt, mein riesen Kleiderschrank, meine vielen Schuhe… Ich musste weinen. Wir haben so viel. Wir leben im absoluten Luxus und wir sind uns dessen nicht bewusst.
In  Deutschland habe ich gelernt mit wenigen Dingen zufrieden zu sein. Ich habe gelernt auf viele Dinge zu verzichten und zu gucken was wichtiger ist. Ich hatte ein Ziel vor Augen: alles Geld was ich habe zu sparen und wieder zurück zu meinen wundervollen Waisenkindern zu fliegen. Ich weiß heute 100 Prozent, dass der Wunsch in meinem Herzen den Menschen hier vor Ort zu helfen, nicht mein eigener Wunsch ist. Es ist ein Wunsch, den mir Gott seid klein auf ins Herz gelegt hat. Nun bin ich hier. Ich habe keinen Plan, was auf mich zu kommt und wie ich mich von Gott gebrauchen lassen kann. Was ich jedoch weiß: Er will mich hier haben. Nach so vielen Hindernissen und einen steinigen Weg bin ich schließlich wieder zu Hause. Zu Hause in Malawi.
Ich möchte mich ganz herzlich für jede Unterstützung bedanken, sei es finanziell, durch ermutigende Worte oder durch Gebete. Gottes reichen Segen euch! Ihr habt dazu beigetragen, dass ich jetzt hier sein darf.