Samstag, 31. Oktober 2015

2. Rundbrief



Alltag in Malawi


Wie sieht der Alltag in Malawi aus? Diese Frage wird mir oft gestellt. Um diese Frage zu beantworten, habe ich viele Erlebnisse zusammengefasst. Eines kann ich euch schon von Vornherein versprechen: Es ist sehr vieles anders, als wie wir es in Deutschland gewohnt sind:



Ein wunderschöner Tag. Die Sonne scheint, ein Malawier singt und ein frischer Luftzug geht durch das Zimmer. Ein Tag könnte kaum besser anfangen. Alles scheint danach auszusehen, dass der Tag nur gut verlaufen wird. Ich stehe auf und gehe ins Bad. Selbstverständlich betätige ich den Lichtschalter, doch von Licht keine Spur. Mal wieder Stromausfall! (Das gesamte Land wird durch 3 Wasserkrafträder mit Strom versorgt. Im Moment sind 2 unserer Wasserkrafträder ausgefallen und defekt. Deshalb wird der vorhandene Strom in ganz Malawi aufgeteilt.“)

Ganz selbstverständlich nehme ich meine Taschenlampe, da unser Bad nicht hell beleuchtet ist. Schon wieder laufen Ameisen, Tausendfüßler oder Kakerlaken umher. Mit Ameisen und Tausendfüßler habe ich ja noch Mitleid und trage sie raus, aber bei Kakerlaken ist es anders. So gern ich auch Tiere habe, bei Kakerlaken mach ich mit meinen Schlappen kurzen Prozess. Dann gehe ich ins Wohnzimmer und schüttele zur Sicherheit meine Schuhe aus, denn darin könnte sich ein Skorpion oder eine Spinne verstecken. Das passiert hier nicht jeden Tag, sondern eher selten. Aber man weiß ja nie…  Das ich einen bodenlangen Rock anhabe, fällt mir schon nicht mehr auf. (In Malawi gilt das Knie der Frau als Schammerkmal und es ist ein absolutes Tabu sich in der Öffentlichkeit mit Hose oder offenen Knien zu zeigen). Dann gehe ich in die Küche und möchte etwas Heimatgefühl zurück ins Leben rufen. Mit meinen Arbeitskollegen in Deutschland am Morgen einen Kaffee zu trinken, ist für mich eines der besten Momente. Dieses Gefühl hier nach Malawi zu bekommen, ist gar nicht so einfach. Ich nehme ein grobes Sieb und versuche Kaffee zu filtern. Ob das gelingt ist eine andere Frage. Was soll ich sagen? Es ist nicht so ganz das, was man es sich vorstellt. Nun ja, man gibt sich dann eben mit einem Kaffe voller Klumpen zufrieden. Hauptsache etwas Heimatsgefühl!
 
Dann bricht die Mittagszeit an. Heute bin ich zu Besuch bei einer malawischen Familie. Vor mir steht ein Teller voll von malawischen „Leckereien“. Von Gabel oder Messer jedoch ist weit und breit keine Spur. Gegessen wird ganz selbstverständlich mit Händen. Fische werden mit Kopf, Augen und Schwanzflosse serviert. Schweine- oder Rindfleisch sind zäh wie Gummi und manchmal sind am Fleischstück noch Haare dran. Malawi ist wohl das gastfreundlichste Land der Welt und dass für einen ein Mahl vorbereitet wird, ist völlig normal. Wenn man dann ein Fleischstück voller Speck, Knorpel und Haaren in der Hand hält, rattert bei einem der Kopf. Ein Schauer geht über meine Schultern, wenn ich denke, da rein zu beißen. Ekel ist hier aber absolut fehl am Patz, also beißt man in das Fleisch, um nicht unhöflich zu sein und um der Gastgeberin Wertschätzung auszusprechen. 


Anders als in Deutschland läuft man nicht aneinander vorbei, sondern wird von jedem freundlich begrüßt. Malawi gilt nicht um sonst, als das „warme Herz Afrikas“. Hier ist man als „Weißer“ eine Sensation. Sollte sich jemand einsam oder ungeliebt fühlen: kommt nach Malawi! Es rennen einem Kinder hinterher und rufen: „Azuuungu!“ (ein Weißer). Alle wollen einen sehen und Hallo sagen. So ist es keine Seltenheit, wenn man sich allein auf dem Weg macht und dann im Endeffekt mit 50 Kindern wieder ankommt. 

Kennt ihr das, wenn ihr unbewusst eine Person anstarrt, die Person euch dann anguckt und man dann wieder schnell weg schaut? Hier in Malawi ist es etwas anders. Die Personen starren dich an, dann guckst du sie an, aber sie starren dich dennoch an. Sie gucken nicht weg! Sie sind so fasziniert davon, einen weißen Menschen zu sehen und schämen sich nicht, einen anzustarren. So war ich vor ca. einem Monat in einem Dorf unterwegs. Ich war auf dem Weg zu einer Hochzeit. In dem Dorf hatten die Menschen anscheinend sehr selten Besuch von weißen Menschen bekommen. Ich hab die Kinder begrüßt. Die einen Kinder konnten nicht aufhören zu starren. Andere ganz kleine Kinder jedoch sind weggerannt und haben sogar angefangen zu weinen. Sie haben noch nie einen weißen Menschen gesehen. Ihr Leben lang sehen sie dunkelhäutige Menschen um sich herum und plötzlich steht –so stell ich es mir vor- ein krankes „Bleichgesicht“ vor ihnen.

Dann bin ich mit Malawiern unterwegs und ich entdecke einen Fahrradfahrer. Ich zeige meinen Freunden diesen Fahrer und sie gucken lange hin und her und fragen sich was ich so besonders finde. (Der Fahrradfahrer hat quer auf seinem Gepäckträger eine riesen Sau liegen. Die Sau war viel größer, breiter  und gefühlt schwerer als der arme zerbrechliche Fahrer. Er hat versucht auf dem staubigen Weg, mit den vielen Schlaglöchern, sein Gleichgewicht zu halten, um keinesfalls umzukippen.) Dieses Bild hat mich so sehr fasziniert. Wie kann man eine Sau auf dem Fahrrad transportieren, zumal ich erfahren habe, dass die Sau noch lebt? –Als meine Freunde verstehen, dass es der Fahrradfahrer ist, der mich fasziniert, fangen sie an, ganz laut zu lachen. Sie verstehen bis heute nicht, was ich besonders daran finde. Es ist doch nur ein ganz „normaler“ Fahrradfahrer mit einer lebenden Sau auf dem Gepäckträger.
Wenn man in der Stadt unterwegs ist, hört man überall laute Musik. In Deutschland hätte man sich bei dem Lärm schon längst beschwert. In Malawi ist das Denken etwas anders: Man gilt hier als egoistisch, wenn man die Musik nur für sich hören will. Also dreht man bis zum Maximum auf, sodass es das ganze Dorf hört. Nun, die Boxen sind ja nicht gerade die Besten, also ist da meistens mehr Brummen, als richtige Musik. Da ist es auch keine Seltenheit, wenn man die ganze Nacht afrikanische Musik hören muss. – Gott sei Dank habe ich Oropax dabei. ;)


Die Kultur gilt als sehr lebendig und fröhlich. Beim zugucken eines Fußballspiels musste ich entdecken, dass die Menschen nicht einfach nur anfeuern. Nein, sie singen und tanzen für ihre Mannschaften. Sowas habe ich noch nie erlebt. So viel Freude, dass es einen förmlich ansteckt. Die Gesellschaft ist teilweise noch vom Denken her etwas konservativer eingestellt, aber wenn sie singen vergessen sie alles.
Vor zwei Jahren habe ich anfangs nicht verstanden, warum mir einige Kinder nicht antworten, als ich sie was gefragt habe. Irgendwann habe ich verstanden, dass dieses Augenbrauen hochziehen auch „Ja“ bedeutet. Irgendwann wundert man sich nicht mehr, wenn man fragt, ob alles klar ist und das Kind nur die Augenbrauen hoch zieht.

Wenn ich im Dorf bin, rede ich mit den Menschen auf der Landessprache Chichewa. Es ist noch alles andere als perfekt, aber man kann sich unterhalten. Und da ist mir damals aufgefallen, dass sie auch manchmal aufhören zu reden und meine Fragen nicht beantwortet haben. Heute verstehe ich warum: Sie sind tatsächlich so perplex und sprachlos, dass ein weißer Mensch ihre Sprache gelernt hat und so redet wie sie. Sie können es einfach nicht verstehen und fühlen sich von Herzen geehrt und sind berührt davon. -Ganz anders ist es bei den Kindern: Wenn man Chichewa mit ihnen redet, hören sie gar nicht mehr auf. Sie reden und reden und reden. Ihnen fällt gar nicht auf, dass man nicht alles versteht. Für sie ist es ganz selbstverständlich: „Natürlich kann sie Chichewa reden.“
Anschließend freut man sich dann nach einem anstrengenden Tag auf eine schöne warme Dusche. Naja, nicht so ganz bei uns. Nach einem anstrengenden Tag wartet eine eiskalte Dusche aus dem tiefsten Brunnen auf einen. -Ganz schnell kommt man zurück in die Realität und merkt, dass es nur ein Wunschdenken war, warm zu duschen. ( -Mittlerweile hat man sich aber schon an die Kälte des Wassers gewöhnt und kann es bei den immer heißer werdenden Temperaturen genießen.;)).
 

Soviel zu den Dingen, die etwas anders ablaufen, als in Deutschland. Mir mangelt es wirklich an nichts hier und es geht mir super. Ich hab jetzt schon so unglaublich viel erlebt, dass ich gar nicht weiß, wohin ich mit meinen Gedanken soll. Diese Zeilen geben euch hoffentlich einen guten Einblick von dem Leben hier vor Ort. Ich hab so viel mehr, wovon ich euch gerne berichten will. Ich hab in der Zeit viele tolle Momente erlebt, die ich am liebsten mit jedem teilen würde. Aber auch Momente, die mich zum Nachdenken angeregt haben. Momente, an denen ich meine Tränen vor den Augen der Kinder zurück halten musste. Momente, die mich in Gedanken tagelang mitgenommen haben. Aber einiges darüber, erfährt ihr bei meinem nächsten Rundbrief.
                        



Danke für eure Gebete. Ich fühl mich so unglaublich gesegnet und getragen. Ich bin einfach nur glücklich und unendlich dankbar.



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