Montag, 23. Mai 2016

5. Rundbrief



Mitten ins Herz


Quelle: Natascha Friesen Fotografie
Letzte Begebenheiten bewegen mich und letzte Augenblicke sprechen direkt zu mir. Ich finde Zeichen der Wertschätzung und Anerkennung:

Nach einer Woche vermisst man die Kinder im Projekt wirklich sehr. Sie bekommen mit, dass wir wieder da sind. Ich bin kurz in der Küche und höre lautes Geschreie: „Nathale! Nathale!“ Es sind „meine“ wundervollen Kinder. Ich gehe raus und das Geschrei wird lauter. Ich kann es kaum erwarten und werde schneller. Sie springen auf mich und umarmen mich. „Nathale. Nda kuzowa quambiri!“ (Natalie, ich habe dich so sehr vermisst). Ach je, wie ich sie vermisst habe. 


Abends gehen wir in die Kinderhäuser und beten mit den Kindern bevor sie schlafen gehen. Es ist immer wieder schön zu sehen, wie gern sie es tun. Eines Abends kommt ein Mädchen zu mir: alle, die dieses Kind kennen, fassen sich an den Kopf und müssen lachen, wenn sie über Joy (Name geändert) nachdenken. Sie scheint manchmal sehr neben der Spur zu sein, ist sich dessen nicht bewusst und genau das macht sie so zuckersüß. Sie zeigt auf ihr Bett und fragt mich: „Nathale. Ukufuna kugona in my kama? I also have Moschkitonet.“ (Natalie, willst du heute Nacht mit mir im Bett schlafen? Ich habe sogar ein Moskitonetz). Sie zeigt ganz stolz auf ihr neues Moskitonetz und guckt mich mit ihren riesigen Augen ganz erwartungsvoll an. Joy ist ganz stolz, ein nicht kaputtes Moskitonetz am Bett hängen zu haben, da Malawier etwas Probleme haben, achtsam mit ihren Netzen umzugehen. Natürlich konnte ich nicht „Nein“ sagen. Ich spiele bis spät in den Abend Kartenspiele mit ihnen und erzähle ihnen Gute Nacht Geschichten mit Bilderbüchern. Sie kennen sowas nicht und kriegen nie genug von den Geschichten. Irgendwann werden alle Augen schwerer und sie fallen schließlich in den Schlaf. Am nächsten Morgen wach ich auf und ganz dicht an mir entdecke ich ein Gesicht mit dem wohl breitesten Lächeln der Weltgeschichte. Das Lächeln hätte ins Guinness Buch der Rekorde kommen müssen. Ich habe so ein Lächeln noch nie zuvor gesehen. Es war gigantisch. „Nathale, good morning!“, sagt die Kleine ganz stolz. Ich fange direkt an zu lachen. Ich will nicht wissen, wie lange sie im Bett gewartet hat, bis ich aufgewacht bin. 

Quelle: Natascha Friesen Fotografie
Da die Amtssprache in Malawi Englisch ist, versuchen die Kinder sich auch ganz früh mit dem Englischen. Weil sie manche Wörter nicht wissen, mischen sie Englisch und Chichewa. Das ist übrigens bei dem Rest der Malawier im Dorf nicht anders. Oftmals habe ich dann viel zu lachen. Ich amüsiere mich immer sehr. Zu mir kam zum Beispiel mal ein Kind und fragte: „Can I have a baskebo please?“ („Kann ich ein Baskebo haben?“). Ich habe hin und her überlegt und antwortete schließlich, dass ich kein Basketball habe. Irgendwann, nachdem er es immer wieder wiederholt hatte, habe ich verstanden, dass er kein Basketball, sondern ein „bicycle“ (Fahrrad) haben will. Oder letztens hatten wir Kidsmeeting (Kinderstunde) mit den Kindern. Die Mitarbeiterin fragte mich dann, was jetzt ansteht. Ich sagte, dass wir erst mal beten (pray) können. Dann fängt sie plötzlich zu hüpfen und spielt mit den Kindern ein malawisches Spiel. Ich musste so herzhaft lachen, weil ich dachte, sie sei verrückt und ich habe mich gefragt, was sie denn da eigentlich macht. Später haben wir darüber geredet und es kam raus, dass sie dachte, ich meine mit pray- (beten) play (spielen). Im Chichewa gibt es keinen Unterschied zwischen den Buchstaben „R“ und „L“. So vertauschen sie es ständig im Englischen, wodurch dann oftmals neue Worte entstehen und zu lustige Situationen führen.




Comedyshow nicht nötig! MALO A MCHEREZO Kinder übernehmen 



Quelle: Natascha Friesen Fotografie
Sammy (9 Jahre alt) sieht mich in der Bibliothek mit einer Schülerin putzen. Er ist schockiert und fragt: “Natalie. Du putzt hier jeden Tag. Warum?“ Ich antworte ihm, dass ich putzen angeblich liebe. Wenn ich schlafe, müsse ich sogar an putzen denken. (Sammy kam zufällig 3 Wochen in Folge nur montagnachmittags vorbei und sieht mich mit Grace, einer Schülerin, putzen. Die Sache ist: es wird nur montags geputzt und ein Schüler muss 3 Wochen lang helfen. Sammy weiß das natürlich nicht und denkt wir putzen jeden Tag zusammen). Er völlig außer sich: „Du bist verrückt. Du putzt und du putzt. Immer putzen! Jeden Tag. Wahrscheinlich ist dein Zimmer auch voller Putzeimer und Lappen. Und warum putzt Grace jeden Tag mit dir?“ Ich daraufhin: „Grace ist eine sehr gute Schülerin, deshalb darf sie mir immer beim Putzen helfen. Später wenn du ein guter Schüler bist, dann darfst du mir auch helfen!“ Er fängt an zu lachen: „Ich glaube, ich werde dann niemals ein guter Schüler sein. Ich mag nicht putzen.“ Dann fällt ihm plötzlich ein, dass Grace doch keine gute Schülerin ist, weil sie angeblich immer bei Kämpfen beteiligt sei. (Da sollte ich hinzufügen: Grace ist ca. 17 Jahre alt und eine sehr zurückhaltende Person, die immer ein Lächeln auf den Lippen hat. Sammy liebt es, Geschichten zu erfinden). Sie kämpft angeblich immer mit Chinesen, sagt er. (Sammy möchte niemals nach China, weil er denkt, dass die Chinesen jeden Tag Karate kämpfen. Wenn er in der Stadt ist, laufen manchmal Filme. Er schaut dann durch das Fenster, oder durch ein nicht sauber zugemauertes Haus und meistens hat er nur Karatefilme gesehen. Er denkt, dass Chackie Chan der Präsident ist und dass alle Chinesen täglich Karate praktizieren). Er ist von seiner Meinung überzeugt. Ich krieg ihn davon nicht los. Er hat es schließlich mit seinen eigenen Augen in Filmen gesehen. Es ist immer interessant mit welchen Augen die Kinder die Welt sehen.

An einem anderen Tag sieht Daniel (17 Jahre) im Buch einen weißen Menschen, wie er Tabak trocknet. Er kommt zu mir und fragt: „Machen sowas auch weiße Menschen?“ Ich erkläre ihn, dass auch in Deutschland Tabak verkauft wird. Er fängt laut an zu lachen und freut sich: „Hahaha und ich dachte, nur wir Farbigen machen sowas. Ihr Weiße kennt auch sowas.“ (Die Malawier haben ein sehr gutes Bild von uns „weißen“ Menschen. So ging zum Beispiel in manchen Teilen Malawis das Gerücht rum, dass wir Weiße zum Beispiel keinen Stuhlgang haben. Andere dachten, dass wir Engel sind und es gibt Gerüchte, dass Malawier deshalb schon mal Touristen ihr Kind in die Hand gedrückt haben. Und es bestand sogar auch mal das Gerücht, dass Weiße nur im Wasser leben und in der Oberfläche keine Luft bekommen. Deshalb musste ich bei diesem Satz von Daniel lachen. Ganz typisch malawisch dachte er auch, dass wir niemals auf solche Ideen kommen, Tabak zu verkaufen.




Begeisterung, die keine Grenzen kennt: Afrikas Schönheit


Es gibt Augenblicke bei denen man inne halten muss. Man weiß nicht, wohin mit all den Eindrücken, die man gewinnt. Man weiß nicht, ob man vor Freude weinen soll, oder vor Freude in die Luft springen soll. Da darf man das Atmen nicht vergessen! Die Natur ist das, wofür ich vollkommen zu begeistern bin. Ich mag es sehr rumzureisen, was mich jedoch hier erwartete, hätte ich nicht für denkbar gehalten. Ich habe bereits von den Naturerlebnissen im Dorf berichtet, jedoch konnte ich nicht ahnen, was Afrika noch mit sich bringt. Ich habe mir in diesem Moment gewünscht, all meine Freunde und Familie einfliegen zu lassen. Nur für diesen einen Moment. Ich bin völlig außer mir vor Enthusiasmus und vor Staunen. Wie schafft man nur sowas gewaltiges zu erfinden? Woher kommt all diese Gestaltungskraft? Woher so eine majestätische Phantasie? Ich habe mich nur gefragt, wie man all dies sehen kann und trotzdem nicht glaubt? Ich kann euch die schönsten Bilder zeigen, die wundervollsten Worte benutzen; jedoch wird es euch niemals das geben, was ich mit eigenen Augen gesehen habe. Um das vollkommen nachzuvollziehen, müsst ihr es selbst erleben. Ich möchte euch dennoch einen kleinen Einblick davon geben, nur ein Hauch eurer Vorstellungskraft anregen:

Es ist 5 Uhr morgens. Es ist trist, es ist kalt und es ist dunkel. Es ist still, nur das Wehen des Windes ist zu hören. Die ersten Vögel wachen auf und erfreuen sich des neuen Tages. Der Boden ist kalt, alles Leben auf der Erde liegt noch im Land der Träume. Selbst die fleißigen Ameisen ruhen sich aus. Auf dem Weg geht mit uns die Sonne auf. Sie zeigt sich in all ihren einfließenden Farben und in all ihrer Pracht. Vor uns liegt eine weitgehende Aussicht der malawischen Landschaft. Der Nebel deckt das Land wie ein weißes Seidentuch. Es schwirrt nicht herum, es liegt ganz sanft auf der Erde. Nur die Berge strecken sich aus und schauen über dem Nebel hinaus, was sich wohl an diesem neuen Tag tut. Der Ort, an dem wir leben, liegt 1100 Meter über den Meeresspiegel. Jetzt befinden wir uns jedoch in 1400 Meter Höhe. Könnt ihr euch vorstellen, was für ein Gefühl es ist, durch die Wolken des Himmels zu laufen? Sie befinden sich direkt vor einem. Es ist unbeschreiblich schön. 



Vor einigen Wochen sind wir als Freiwillige außer Landes gefahren. Unser Ziel: die Viktoriafälle in Livingstone, Sambia. Bei den Wasserfällen angekommen lässt sich auf einer Brücke zwischen Sambia und Simbabwe bereits erahnen, was uns erwartet. Der erste Blick in Nähe der Fälle lässt alle vor Erstaunen und Fassungslosigkeit still werden. Was vor einem liegt kann aus keiner Menschenhand entstanden sein. Es ist kolossal, gigantisch, großartig, wunderschön, prächtig,… Welche Worte soll ich benutzen, um euch näher zu bringen, was ich gesehen habe? So groß habe ich mir das alles bei weitem nicht vorgestellt. Ich höre nicht das Rauschen des Wassers, es ist vielmehr ein Strömen von Wassermengen; Quellen und Meere. 

Als hätten sich alle Wunder der Welt auf einem Fleck getroffen, um sich in ihrer Schönheit zu präsentieren. Der Dunst steigt auf und fällt auf uns nieder. Ich weiß nicht einmal, ob man das Dunst nennen kann. Es sind eher die Regenströme eines Gewitters. Weniger als eine Minute reicht absolut aus, um dich aussehen zu lassen, als seist du in den Fluss gesprungen. Kein Fleck bleibt trocken. Mitten in dieser Schönheit von Dunst; atemberaubende, gigantisch große und weite Wasserfälle, die stärker als jede Menschenhand ist; prachtvolle Farben eines Malers; entdecke ich einen Regenbogen: Zeichen der Gnade und Hoffnung. Wie auf einem Schaubild zeigt es sich. Dann der große Scheinwerfer in diesem Bild: die Sonne. Sie hebt die Geschmacksvollendung der Schönheit hervor. Und ich habe das große Privileg mitten in diesem Geschehen zu sehen. Ein Teil dieses Wunschbildes zu sein. Ich fühle mich absolut nicht würdig daran
teilzuhaben, aber da gibt es wohl jemand, der anders denkt. Er stellt mich mitten in dieses Geschehen und findet es perfekt. Das Schöne an diesem Ort ist, dass es so unberührt ist. Es wurde nicht verschönert oder optimiert. Es ist bereits perfekt. 

Durch dieses Naturerlebnis entsteht auf der anderen Seite was Neues. Durch all die Gischt des Wasserfalls entsteht ein Regenwald. Ich laufe durch und es fühlt sich so unreal an. All diese schönen Pflanzen, all die verschieden konstruierten Bäume, die frische und feuchte Luft und all die verschiedenen Tiere im Ort der Unberührtheit. Auch hier kann ich nichts Anderes sagen als: „es ist makellos!“ Als wir dann abends den Sonnenuntergang bewundern, sind der Tag und das Bild vollendet. Mit den Herden von Affen gemeinsam staunen wir rückblickend über all die Wunder der Natur. Es ist das Schönste was ich je in meinem Leben gesehen habe. Da muss wohl ein göttlicher Gedanke dahinter gewesen sein.