Plötzlich Mutter von zwölf Kindern
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| Natascha Friesen Fotografie |
Wie mag es wohl sein, plötzlich Mutter zu sein? Was muss
einen bei dem Gedanken durch den Kopf gehen? Welche Emotionen gehen bei einem
durch? Ein Leben lang trägt man für niemanden mehr, als sich selbst, die
Verantwortung. Was aber, wenn du plötzlich Verantwortung für Andere tragen
musst? Was, wenn du plötzlich dein ganzes Besitztum teilen musst? Wie ist es
wohl, wenn man sich nicht nach Lust und Laune zurückziehen kann, sondern sich
nach jemand Anderes richten muss?
Nun stellt sich mir diese Möglichkeit, dieses Experiment
auszuprobieren. Aber anders als gewöhnlich werde ich nicht Mutter von
Zwillingen, Drillingen oder gar Vierlingen. Nein! Ganze zwölf Kinder werden mir
in den Weg gelegt. Zwölf Kinder, die viel Aufmerksamkeit benötigen. Kinder, die
voller Aufgewecktheit strotzen. Kinder, die ein gewisses Temperament mit sich
tragen. Jetzt stellt sich natürlich die Frage: „Wie kommt es zu diesem
Vergnügen?“ Nun, die eigentliche
Tagesmutter muss für einige Tage nach Lilongwe (Malawis Hauptstadt), wo eine
mehrtägige Hochzeit stattfindet. Was nun
für mich bedeuten würde, dass ich von Freitag bis Dienstag, die
Ansprechpartnerin bin. Fünf volle Tage als unerfahrene Mutter:
Ich betrete das Mädchenkinderhaus. Mit dem Eintritt wird mir
bewusst, welcher Herausforderung ich mich im Moment stelle. Schon fängt das
Geschreie an: „Amayi Nathale!“ („Mama
Natalie“). Die Kinder rennen auf mich zu, klammern und umarmen mich. „Einen Moment mal! Bitte was? Ich bin doch
Natalie, eure Freundin“, denke ich mir nur. Scheint als würde den Kindern
dieser Rollenwechsel gefallen. Ich wache aus meiner Gedankenwelt auf und mache
mir bewusst, dass ich jetzt Mama bin. Ich frage mich nur, ob ich dieser Aufgabe
gewachsen bin. Diese Gedanken lösen bei mir etwas Aufregung aus. „Nathale, tabwera!“, (Natalie, komm her!)
sagt Agnes (Name geändert, 7 Jahre).
Plötzlich stubst Michelle (Name geändert,
4 Jahre) Agnes an und schimpft: „Hey.
Sie heißt nicht Natalie. Das ist jetzt Amayi Nathale. Sag sofort Amayi Nathale
zu ihr!“ Agnes korrigiert sich daraufhin etwas verlegen. -Oh je, eigentlich
wollte ich nur als Natalie, ihrer Freundin, kommen. Doch die Kids haben da ganz
andere Erwartungen.
Die eigentliche Tagesmutter hat mir freundlicherweise ihr
Zimmer überlassen. Mit mir schläft Hope (Name
geändert), die 3 Jahre alt ist. Sie hat AIDS und deshalb versorge ich sie
nun morgens und abends mit Medikamenten. Michelle bekommt auch Medikamente von
mir, weil sie momentan eine Blasenentzündung hat. Daher kann sie ihre Blase
nicht kontrollieren und nässt sich immer wieder ein.
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Bloß nicht Auffallen
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| Natascha Friesen Fotografie |
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Ich schaue kurz nach rechts und sehe ein Kind von der
Betonbank fallen. Er schreit und weint fürchterlich. Eine Amayi hebt ihn auf
und fragt, wem das Kind gehört. Ich schaue mir das Kind näher an. Oh nein, es
ist eines unserer Kinder. So, nun ist es absolut Schluss mit der
Unauffälligkeit. Nun habe ich alle Aufmerksamkeit auf mir. Personen, denen ich
bisher nicht auffiel, jetzt ist der besagte Moment gekommen: Hier bin ich! Nun trage
ich das schreiend, weinende Kind nach draußen. Dort schaue ich, ob was passiert
ist. Eine Schramme? Kratzer? –Nein, nicht wirklich. Das war anscheinend nur der
Schock. Ich nehme ihn in meinen Arm und tröste ihn. Ich versuche ihn abzulenken
und spiele mit ihm. Irgendwann lacht er auch schon und will wieder zurück zum
Gottesdienst.
Nach einiger Zeit, während der Predigt, tippt mich Michelle
an. Sie zeigt mit ihrem Finger auf eine Pfütze am Betonboden unter ihren Füßen.
„Oh je, bitte lass es nicht das sein, was
ich befürchte.“ Tatsächlich! Michelle hat sich, dank ihrer Blasenentzündung,
eingenässt. Nicht nur irgendwo. Nein. Sie hat sich mitten im Gottesdienstsaal eingenässt.
Direkt neben ihrer Sitzbank, mitten unter der riesen Menschenversammlung. Vielleicht
könnt ihr euch vorstellen, was einen da durch den Kopf schießt? „Was soll ich jetzt bloß machen? Soll ich einen
Lappen aufsuchen und wischen? Wo kriege ich in Afrika einen Lappen her? Bloß
keine Panik! –Wahrscheinlich muss ich
mit Laubblättern säubern.“ Ich meine, es ist ja nicht genug was bisher
geschah und man als „Ausländer“ schon genug Aufmerksamkeit auf ich zieht. Also
beschließe ich mich, das nach dem Gottesdienst zu säubern. Michelle ist relativ
trocken geblieben. Dann kommt Comfort mit einem Wassereis rein. Ich frage mich
natürlich wo er sowas her hat. In seiner Großzügigkeit teilt er es mit den
anderen Kindern. Das Eis ist glitschig. Jetzt passiert das Unfassbare. Etwas,
was nicht einmal dem größten Tollpatsch unserer Gesellschaft im Alltag
passiert. Das Wassereisstück rutscht Comfort aus der Hand. Nicht irgendein
Wasserstück, sondern SEIN Wassereisstück. Und es fällt nicht nur auf dem Boden.
Nein! Es fällt ausgerechnet in Michelles Urinpfütze. Stellt euch eine Szene in
Zeitlupengeschwindigkeit vor, indem ihr versucht etwas zu verhindern, es
dennoch nicht gelingt. -So eine Situation war das. Nun liegt das leckere Eis in
der Pfütze. Um es etwas präziser zu beschreiben. Es liegt in der Urinpfütze! Da
ist er noch so freundlich und teilt und dann passiert sowas. Ich sage ihm, er
solle das Eis liegen lassen, weil das Urin ist. Er bekomme später ein Neues.
Comfort denkt natürlich, dass ich Scherze mache und greift, trotz meines strengen
Verbots, in die Pfütze nach dem Eis. Er nimmt es … und… lutscht dran. Wisst ihr was? Ich gerate in
Starre und halte kurz mein Atem an. Ich kann in diesem Moment rein gar nichts
an dieser Situation ändern. Versuch mal ein afrikanisches Kind zu erklären,
dass er ein „nur hingefallenes“ Eis nicht essen darf. Das bringt absolut nichts
und löst bei jedem Kind auf Unverständnis. Man kann, laut ihrer Meinung, alles
essen. Insbesondere wenn es was Süßes ist. Nun lutscht er dran und verzieht
keine Mime. Er scheint wohl von dem beigefügten Nebengeschmack nichts zu
merken. Mich überkommt etwas Ekel und ich erinnere mich, was ich alles in
meiner Kindheit gegessen habe: Würmer, Erde, Sand... –Nun ist es zu spät. Er hat weder was geahnt,
noch was geschmeckt. Und wisst ihr was? Er denkt bis heute, ich sei der größte
Scherzkeks.
Wieder Zuhause angekommen, essen wir was und ich setze das
Kleidungswaschen am Brunnen fort. Vorbeigehende malawische Passanten gehen
nicht vorüber, ohne etwas gesagt zu haben. Sie schauen, ob ich bloß alles
richtig mache. Wahrscheinlich haben sie noch nie eine Weiße gesehen, die mit
der Hand Wäsche wäscht. Manche stehen von Anfang bis Ende da, um mir dabei
zuzugucken, mit mir zu reden oder mir Verbesserungsvorschläge zu geben. Sowas kriegen sie wohl so schnell nicht wieder
zu Gesicht.
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| Natascha Friesen Fotografie |
Abschied nehmen
Die Tage bis zu meinem Abflugdatum rücken immer näher.
Verabschiedung wird immer präsenter. Ich kann langsam keinen klaren Gedanken
fassen. Alles dreht sich nur noch um „Abschied nehmen“. Manchmal wache ich mitten in der Nacht auf.
Ich kann nicht schlafen und mache mir ständig Gedanken über mein neues, altes
Leben in Deutschland.
Ich genieße die letzten Momente. Jede Minute. Jede Sekunde.
Ich möchte lernen. Ich möchte verändern. Ich möchte mitnehmen. Ich möchte wandeln.
Am letzten Tag fragt mich ein Kind: „Nathale. Was wird die Regierung in Deutschland machen, wenn du doch
länger bleibst? Wird sie hier her fliegen, dich suchen und verhaften?“
–Kurze Stille- „Keine Sorge. Ich werde
dich dann auch verstecken!“ Ist dieses kindliche Denken nicht süß? Es hat
mich sehr zum Nachdenken angeregt und gleichzeitig hat es mich traurig gemacht.
Ich wusste, dass ich an meinem Abflugdatum nichts ändern kann. Wie gerne würde ich
für eine längere Zeit bleiben?
Die letzte Zeit ist sehr intensiv und ich nehme die Zeit
bewusster wahr. Jedes Lächeln speicher ich in meinem Gedächtnis. Jedes Wort
verschließe ich ganz fest in mir. Jede Umarmung ist wie Balsam für meine Seele.
Jeder Blick verschafft mir mehr Einblick in ihr Wesen. Jede Träne zeigt mir Ausdrucke
ihres Herzens. Etwas in mir gibt mir jedoch tiefe Ruhe. -Die Gewissheit, dass
an diesem Ort, irgendwann, ein Wiedersehen stattfinden wird.
Wieder zurück in
Deutschland
Ein Jahr in einer völlig anderen Welt. Eine Welt; einer
anderen Kultur, anderen Menschen, einer anderen Lebenseinstellung und einer
anderen Denkweise.
Hier in Deutschland angekommen, verfällt man ganz schnell in das alte Muster
und dass, ohne es direkt zu merken. Ich gehe raus und die Straßen sind wie leer
gefegt. Wo sind die Kinder? Wo sind die Menschen? Wo ist Deutschland? –Gefangen
in einer Medienwelt, die sich Zuhause abspielt? Gefangen in Anforderungen der
Gesellschaft? Gefangen im Leistungsdruck der Schule oder der Arbeitsstelle? Als
wäre die Menschheit in Gebäuden gefangen genommen worden. Thomas Merton sagte
einmal: „Es gibt eine weitverbreitete, moderne
Form der Gewalt … Aktivismus und Überarbeitung. Die Eile und der Druck des
modernen Lebens sind eine Form – vielleicht die häufigste Form – seiner
angeborenen Gewalt. Sich selbst zu erlauben, von einer Vielzahl gegensätzlicher
Interessen fortgerissen zu werden, sich zu vielen Anforderungen zu unterwerfen,
sich zu zu vielen Aufgaben zu verpflichten, bedeutet, der Gewalt zu erliegen …
Sie tötet die innere Wurzel der Weisheit, die Arbeit fruchtbar macht.“
Interessante Worte! Lieber Leser, ich möchte dich dazu
ermutigen, über diese Worte nachzudenken. Auch wenn Afrika materiell und
wirtschaftlich weit hinter uns liegt, können wir doch einiges von dieser
Lebenseinstellung lernen. Da muss es doch mehr geben, als dieses Leben, das wir
tagtäglich leben. Mehr als Ansehen. Mehr als pausenloses Gehetzte. Mehr als das
nach außen scheinende „perfekte“ Leben. Ist es nicht traurig, dass wir
stundenlang vor dem Fernseher sitzen und das Leben einiger Schauspieler mitfiebern?
Es scheint so, als würden wir das Leben eines Fremden leben und dabei unser
Leben vergessen. Geh raus und entdecke. Entdecke die Vielfalt des Lebens. Es
gibt noch so viel mehr! Corrie ten Boom sagte mal: „Unser Leben hier auf der Erde ist nur die erste Seite des Buches, nicht
die Letzte.“ Wunderschöne Worte
einer weisen Frau. Lasst uns nicht nur eine tolle erste Seite schreiben, etwas,
worauf wir gerne zurück blicken; sondern mache dir bewusst, dass es noch mehr
gibt. Etwas, was dich erfüllt. Etwas, was dir sinnerfüllte Zufriedenheit geben
kann. Etwas, was das Leben lebenswert macht.
Was machst du daraus?
Mit diesen Worten komme ich langsam zum Ende. Du hast gerade meinen
letzten Blogeintrag gelesen. Ich hoffe, ich konnte dir das Leben in Malawi
etwas näher bringen und du hattest Freude am Lesen. Danke für dein Interesse
und vielen Dank für deine Unterstützung. Und an dieser Stelle möchte ich Gott
dafür danken, dass er mich durch diese Erfahrungen und Erlebnisse so reich
beschenkt hat.
Eure Natalie
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